Wie wichtig ist die Selbsthilfe heute? Braucht es Behindertenorganisationen weiterhin? Was interessiert den potentiellen Nachwuchs? Ein Doppelinterview mit einer älteren, langjährigen Selbsthelferin und einer jungen Nachwuchskraft.
Von Eva Aeschimann, Bereichsleiterin Öffentlichkeitsarbeit AGILE
Die sehbehinderte Helga Gruber (72) hat sich während Jahrzehnten in der Selbsthilfe engagiert. Unter anderem war sie während zehn Jahren Präsidentin von AGILE (ehemals ASKIO) und leitete später neun Jahre das Zentralsekretariat des Dachverbands. Anik Muhmenthaler (24) gehört zum Nachwuchs der Behinderten-Selbsthilfe. Sie ist Mitglied bei der Schweizerischen Paraplegikervereinigung und hat an der AGILE-Weiterbildung «Politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung» teilgenommen.
«agile – Behinderung und Politik»: Anik Muhmenthaler, welche Bedeutung hat die Behinderten-Selbsthilfe für Sie als junge Frau?
Anik Muhmenthaler (AM): Ich finde sie wichtig. Menschen mit Behinderung müssen sich selber für ihre Anliegen einsetzen, denn nur sie selber wissen, was nötig ist, um sich das Leben zu erleichtern. Deshalb scheue ich mich auch nicht, Briefe zu schreiben, wenn mich etwas stört. Zum Beispiel, wenn mein Begleithund nicht mit ins Kino darf.
«agile»: Helga Gruber, welche Bedeutung hatte die Behinderten-Selbsthilfe für Sie im jungen Erwachsenenalter?
Helga Gruber (HG): Ich bin durch einen Fürsorger auf die Sehbehinderten-Selbsthilfe aufmerksam gemacht worden, bevor ich meine berufliche Ausbildung angetreten habe. Bei den Zusammenkünften mit gleich Betroffenen und gleich Gesinnten durfte ich feststellen, dass andere ähnliche Schwierigkeiten hatten, um mit der Sehbehinderung im Alltag fertig zu werden. Das hat mir Mut gemacht und mich in meinem Glauben bestärkt, dass man durch gemeinsames Handeln mehr erreicht.
«agile»: Die Selbsthilfe kann auf unsere Gesellschaft positiv wirken, weil sich Menschen mit gemeinsamen Erfahrungen, Können, Wissen oder Zielen verbinden, um gemeinsam etwas zu erreichen. Die Behinderten-Selbsthilfe kämpft trotzdem seit einiger Zeit mit Nachwuchsproblemen (Basis, Vereinsführung, Profis): Was müssten diese Organisationen tun, damit sich (junge) Menschen vermehrt in diesen Organisationen engagieren?
AM: Schwierige Frage! Es ist sicher wichtig, die Jungen über die modernen Kommunikationsmittel anzusprechen, was auch viele machen. Das Internet ist eine geeignete Form, da auch Schwerstbehinderte Zugriff haben. Allerdings müssen die Betroffenen zuerst davon erfahren. Schulen für Behinderte, wie auch öffentliche Schulen müssen entsprechend informiert werden, damit die Betroffenen darauf aufmerksam werden.
HG: Behinderte Menschen sind Teil und Abbild unserer Gesellschaft. Die Herausforderungen, denen junge Menschen heute entgegen treten, haben sich sehr verändert, alles ist schneller und hektischer geworden, und das «Fun-Gefühl» besitzt einen hohen Stellenwert. Ich glaube, junge Menschen werden nur dort aktiv mitarbeiten, wo ein Resultat sichtbar wird. Die Selbsthilfeorganisationen sind auch dank den Beiträgen der IV in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen, und der einzelne Kämpfer an der Basis muss sich seinen Platz in Ergänzung zum gut ausgebildeten Profi-System erarbeiten. Für mich müssten die Verbandsstrukturen durchlässiger und attraktiver gestaltet werden, damit junge Menschen überhaupt einsteigen.
«agile»: Anik Muhmenthaler, welche Errungenschaften verdanken junge Menschen den Generationen vor Ihnen?
AM: Alles, was bisher in der Behindertenbewegung gegangen ist. Die Integration z.B. in öffentlichen Schulen hat sich in den letzten Jahren verbessert, die öffentlichen Gebäude und Verkehrsmittel sind behindertengerechter geworden.
«agile»: Für was haben Sie, Helga Gruber, vor vierzig Jahren gekämpft?
HG: Vor vierzig Jahren war ich Hausfrau, Mutter von zwei sehbehinderten Kindern, Pflegemutter für ein blindes Kleinkind und Logis-Geberin für eine blinde Industriearbeiterin. Damals war ich bereits Mitglied im Vorstand einer SBV-Sektion. Als Delegierte erfuhr ich, wie der Zentralverband arbeitete und wo Schwerpunkte in der sozialpolitischen Arbeit gesetzt wurden. An meinem Wohnort habe ich als Parteimitglied meine christlichsozialen Überzeugungen eingebracht, mit besonderem Schwerpunkt für politische Gleichstellung der Frauen.
«agile»: Welchen Herausforderungen müssen sich Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen in den nächsten Jahrzehnten stellen?
HG: Nach über 50 Jahren Mitgliedschaft beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) überrascht mich, wie oft das Rad neu erfunden werden soll. Am meisten zu schaffen macht mir, dass die bevorstehenden Revisionen der Invalidenversicherung von Abbau-Bestrebungen geprägt sind. In meiner politischen Arbeit bin ich immer davon ausgegangen, dass AHV-und IV-Vorlagen Verbesserungen für die Versicherten bringen sollten. Dies stimmte bis zur 10. AHV-Revision und 4. IVG-Revision. Ich glaube noch heute, dass Menschen mit Behinderung ihre berechtigten Forderungen selbst vertreten sollen. Dies, um auch den Politikern und Politikerinnen ein positives Signal zu geben, dass es sich bei behinderten Menschen nicht primär um «Nutzniesser» von Sozialleistungen handelt, sondern um aktive Mitglieder unserer Gesellschaft. Die Ziele einer umfassenden Behindertenpolitik wären eigentlich dann erreicht, wenn es die Behinderten-Organisationen gar nicht mehr bräuchte, weil die berufliche und soziale Integration behinderter Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Für diese Vision müssen wir uns alle mit voller Kraft einsetzen.
AM: Für mich ist das Wichtigste die Integration in allen Bereichen. Die Arbeitgeber müssen erkennen, dass ein Mitarbeiter mit Behinderung eine Bereicherung für den Betrieb sein kann. Die Einführung des Assistenzbeitrages ist ein wichtiger Schritt. Allerdings müssen unbedingt auch Kinder und geistig Behinderte miteinbezogen werden.
«agile»: Welche Engagements von Organisationen ganz allgemein sind für Sie heute beispielhaft und warum?
AM: Ich habe bereits mehrmals von einer Organisation finanzielle Unterstützung erhalten. Zum Beispiel für einen Sportrollstuhl oder eine mobile Rampe, alles Dinge, die von der IV nicht finanziert werden, teuer und für meine Lebensqualität wichtig sind. Zudem finde ich die Beratungen in verschiedenen Bereichen hilfreich.
HG: Für mich machen all jene Organisationen einen guten Job, die es verstehen, eine breite Palette von Dienstleistungen anzubieten, die den Betroffenen optimale Wahlmöglichkeiten eröffnen, damit sie auch mit einer Behinderung ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben führen können. Im sozialpolitischen Engagement heisst dies, dass wir unermüdlich daran arbeiten müssen, die Rahmenbedingungen in der Schweiz auf dieses Ziel hin zu verbessern. Jeder einzelne kann dabei einen nachhaltigen Beitrag leisten, in dem er sein Wahl- und Stimmrecht nutzt.
«agile»: Angenommen, Sie könnten zum Nachwuchs werden: Für welches Anliegen oder für welche Organisation würden Sie sich in den nächsten zehn Jahren gerne einsetzen?
AM: Ich würde mich dafür engagieren, dass die Integration im Arbeitsmarkt und in öffentlichen Schulen selbstverständlich wird. Zudem sollte jeder das Recht auf das Assistenzbudget haben und zwar in an seinen Bedürfnissen angepasstem Rahmen.
HG: Ich bleibe dem SBV treu und arbeite derzeit in einer Arbeitsgruppe mit, die die SBV-Statuten einer Totalrevision unterzieht. Auch als Co-Präsidentin der SBV-Sektion Freiburg bleibe ich in ständigem Kontakt mit der Basis und weiss daher um deren Anliegen. Wenn ehrenamtlich tätige Selbsthilfe-Vertreterinnen und -Vertreter am gleichen Strick ziehen, so kann auch heute noch ein Fest der Selbsthilfe daraus entstehen. Das hat der Anlass der Sektion Freiburg zum 100-jährigen Bestehen des SBV mit dem längsten weissen Stock der Welt gezeigt. Da kommt bei einem alten Fuchs der Selbsthilfe wie mir echte Freude auf.
«agile»: Wie reagieren Sie auf das Engagement von Anik Muhmenthaler?
HG: Ich nehme mit Freude zur Kenntnis, dass Anik sich aktiv in der Behinderten-Selbsthilfe engagiert. Neben den unterschiedlichen Anliegen, die durch unsere persönlichen Behinderungen zu Tage treten, stelle ich bei Anik fest, dass es auch heute behinderungsübergreifende Anliegen gibt, die wir gegenüber Staat und Gesellschaft gemeinsam vertreten müssen. Ihre Ausführungen bestätigen mir, dass der Zugang zu modernen (elektronischen) Kommunikationsmitteln noch an Bedeutung zunimmt.
«agile»: Und was löst Helga Gruber bei Ihnen aus, Anik Muhmenthaler?
Ich habe erst als Jugendliche den Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderung gefunden. Erst dann habe ich wie Helga Gruber gemerkt, dass diese mit ähnlichen Problemen kämpfen. Dadurch habe ich Kraft geschöpft, um mich für meine Anliegen einzusetzen. Ich bin mit der Vision voll einverstanden, dass das Ziel erreicht ist, wenn es keine Behinderten-Organisationen mehr braucht. Dies ist jedoch eine sehr schwierige Aufgabe, denn es muss sich in den Köpfen der Bevölkerung etwas grundlegend ändern. Ich habe mich erst im Umfeld mit anderen Jugendlichen mit Behinderung vollständig akzeptiert gefühlt und habe festgestellt, dass ich trotz Behinderung viel erreichen kann.
«agile»: Helga Gruber, Anik Muhmenthaler, ganz herzlich Merci für dieses Interview.
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