Menschen mit chronischen Schmerzen

Arbeitsintegration behinderter Menschen ist das erklärte Ziel der aktuellen IV-Revision. Wie sehen die Integrationschancen von SchmerzpatientInnen aus und welche Voraussetzungen müssen dazu erfüllt sein? Die Neuerscheinung des Vereins Lernwerk gibt Auskunft.

Für Sie gelesen von Bettina Gruber

Für SchmerzpatientInnen ist das Leben schwierig. Haben sie noch einen Arbeitsplatz, drohen sie diesen zu verlieren. Zusätzlich stehen sie unter Generalverdacht, IV-Leistungen erschleichen zu wollen. Oft handelt es sich um Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Leben zwischen Schmerz, Existenzangst, Anfeindungen und Ohnmachtgefühlen. Gibt es aus dieser Negativspirale einen Ausweg? Diesen Fragenkomplexen war 2010 eine Weiterbildungsreihe des Vereins Lernwerk (www.lernwerk.ch) und seiner Geschäftsstelle NetzWerk IIZ (www.netzwerk-iiz.ch) gewidmet, die sich an Fachleute in der Begleitung von Schmerzpatienten richtete und dabei den Fokus auf die Arbeitsintegration legte. Im vorliegenden Buch fasst die Autorin Jutta Kirchner die Referate und Ergebnisse aus den Workshops zusammen.

Für Aussenstehende wird verständlich aufgezeigt, worum es sich bei chronischen Schmerzen handelt. Nämlich nicht einfach um einen Akutschmerz, der etwas länger dauert. Schmerzen sind grundsätzlich etwas Positives, sie warnen den Körper vor Gefahren und weiterem Schaden. Werden sie chronisch, so lassen sich physiologische Veränderungen im Schmerzleitungssystem nachweisen. Der Schmerz verselbständigt sich und existiert nun losgelöst von seinem ursprünglichen Auslöser. Er hat dann seine hilfreiche Funktion verloren. Der Schmerzpatient fühlt sich ihm ausgeliefert. Um chronische Schmerzen gar nicht erst entstehen zu lassen, ist also eine ausreichende Schmerzbehandlung in der Akutphase das A und O. Wenn ein Schmerz chronisch geworden ist, so bleibt den Patienten meist nur, einen neuen Umgang mit dem Schmerz zu erlernen, um so den schmerzbedingten Verknüpfungen im Hirn neue Reaktionsmuster entgegenzusetzen.

Dieser herausfordernden Aufgabe sollten die PatientInnen sich in der Zeit stellen, in welcher auch ihre berufliche Zukunft geregelt werden muss, weil Stellenverlust droht oder schon eingetreten ist und Unfall- oder Krankentaggelder bald auslaufen. Finanzsorgen und Existenzängste können in dieser Situation dazu führen, dass mit der Brechstange versucht wird, wieder zu arbeiten. Wird die Wiederaufnahme einer Arbeit aber nicht sorgfältig angegangen, kommt meist nach kurzer Zeit das Aus.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Situation von MigrantInnen. Ihre Hauptmotivation, ihre Heimat zu verlassen, war für viele die Aussicht auf Erwerb. Mit ihrem Einkommen unterstützen sie nicht selten eine ganze Familie zu Hause. Das erfüllt sie mit Stolz. Mit niedriger Qualifikation und sprachlichen Hindernissen stehen ihnen aber vor allem schwere körperliche Arbeiten offen. Werden sie zu Schmerzpatienten, ist ihre Umorientierung besonders schwierig. Kulturelle Unterschiede im Umgang mit Schmerz können zudem zu Hindernissen beim Entwurf einer zukunftgerichteten Strategie werden.

Auch den Beratenden fällt eine schwierige Aufgabe zu. Im Spannungsfeld verschiedener Erwartungen von Seiten der Versicherungen, der ArbeitgeberInnen und der PatientInnen laufen sie Gefahr, sich aufzureiben. Sie müssen sich davor schützen, in die Mutlosigkeitsspirale der Betroffenen hineingezogen zu werden, ohne aber kalt oder zynisch zu werden. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, in ihren KlientInnen ein neues Selbstwertgefühl zu wecken, indem diese lernen wahrzunehmen, dass sie selbst Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten haben, mit ihrem Schmerz umzugehen und ihm nicht einfach ausgeliefert sind. Erst wer für sich eine Zukunft mit dem Schmerz akzeptiert, hat eine Chance auf eine erfolgreiche berufliche Eingliederung. Garantie hat er/sie allerdings keine.

In weiteren Kapiteln wird das soziale Sicherungssystem aus ALV, IV und Sozialhilfe erklärt, insbesondere die Instrumente, welche die IV vorsieht. Schliesslich wird die Notwendigkeit interinstitutioneller Zusammenarbeit (IIZ) aufgezeigt, damit Versicherte nicht zum Spielball zwischen Versicherungen werden, sondern volkswirtschaftliche Überlegungen Vorrang erhalten vor Zuständigkeitsfragen. Das Fazit mit Wünschen an Gesellschaft, Politik und Behörden und mit Erkenntnissen zu den Voraussetzungen für eine gelingende Arbeitsintegration chronischer Schmerzpatienten zeigt auf, dass noch vieles anzupacken ist.

Das 150-seitige Buch hat kein Happyend im Sinne von «Alles wird gut». Aber gerade weil es die Stolpersteine nicht verschweigt, bilden die hier zusammengetragenen Erkenntnisse eine solide Basis für eine verbesserte Arbeitsintegration von SchmerzpatientInnen.

Jutta Kirchner, Verein Lernwerk (Hrsg.), Menschen mit chronischen Schmerzen. Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsintegration, Rüegger Verlag 2011, ISBN: 978-3-7253-0975-7, Preis: CHF 28.--