Akrobatik nach dem Zirkus – zwei Ereignisse voller Emotionen

Die Evakuation eines Intercity-Zugs mit einer Panne geht rasch von sich, es sei denn, man ist mit dem Elektrorollstuhl unterwegs. Dann wird es kompliziert. Eines der letzten Abenteuer im öffentlichen Verkehr, das unser Land einer so kleinen wie exklusiven Kundschaft vorbehält.

Von Werner Hofstetter, Mitarbeiter für die Romandie der Schweizerischen Fachstelle für Barrierefreien öffentlichen Verkehr BöV

Dass das Reisen mit dem öffentlichen Verkehr für Rollstuhlfahrende in den letzten Jahren viel einfacher geworden ist, steht ausser Frage. Natürlich ist die Organisation immer noch aufwändig. Aber im Allgemeinen funktioniert das System – im Allgemeinen!

Im Dezember reiste ich mit meiner Frau von unserem Wohnort Posieux im Kanton Freiburg nach Zürich. Wie gewöhnlich meldete ich mich vorgängig bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben, um sicherzustellen, dass für die Fahrt von meinem Dorf bis Freiburg ein Niederflurbus mit Rampe zur Verfügung steht. Dann kontaktierte ich das Call Center der SBB in Brig, um im Intercity-Zug von Freiburg nach Zürich Unterstützung beim Ein- und Aussteigen zu erhalten. Alles klappte bestens, und wir konnten eine wunderbare Zirkusvorstellung und ein Nachtessen in der Altstadt an der Limmat geniessen. Gegen 21 Uhr wurde es Zeit, an die Rückfahrt zu denken. Ich rief also wieder das Call Center der SBB an, um mich für die Züge IC 846, Abfahrt in Zürich um 23.00 Uhr, und IR 2546, Abfahrt in Bern um 00.08 Uhr anzumelden. Auf dem Weg zum Bahnhof auf der wunderschön weihnachtlich beleuchteten Bahnhofstrasse begleiteten uns Schneeflocken. Wirklich zauberhaft. Da es aber sehr kalt war und ein bissiger Wind wehte, beeilten wir uns und erreichten den Bahnhof bereits um 22.25 Uhr. Zufällig war der IC 744, ein Niederflur-Doppelstockzug, gerade abfahrbereit. Spontan beschlossen wir, diesen Zug zu nehmen, damit wir in Bern in aller Ruhe umsteigen konnten. Bei der Billettkontrolle kurz nach der Abfahrt baten wir den Zugführer, dem IC 846 zu melden, dass wir unsere Fahrt um eine halbe Stunde vorverschoben hatten. Dazu war er gerne bereit, da das Call Center um diese Zeit geschlossen war. Auf der gemütlichen Fahrt in unserem 1. Klasse-Abteil liessen wir diesen schönen Tag Revue passieren.

Kennen Sie den Bahnhof Dullikon?

Kurz vor Olten wurde der Zug langsamer und stoppte im Bahnhof Dullikon. Nach einer Viertelstunde stellte sich heraus, dass unser Zug wegen einer technischen Panne seine Fahrt nicht fortsetzen konnte. Die Reisenden wurden gebeten, vom Perron 1 auf ein anderes Perron zu wechseln, wo ein anderer Zug (der IC 846, den ich ursprünglich nehmen wollte) ausserfahrplanmässig halten würde, damit sie einsteigen konnten. Jetzt sah nicht mehr alles so rosig aus. Da der Bahnhof Dullikon weder über eine Rampe noch über einen Lift verfügt, war es nicht möglich, mit dem Elektrorollstuhl samt Inhalt durch die Unterführung zum anderen Perron zu gelangen. Trotz einer Diät, die ich zwar zur Feier des Tages ausgesetzt hatte, lag das Gesamtgewicht Mensch und Maschine über 200 Kilogramm. Ich musste deshalb einen Hilfszug abwarten, der mich zum Bahnhof Olten brachte. Beeindruckend, wie mich vier starke Männer mit einem Kran und Seilen in den Zug hievten. Glücklicherweise war die Fahrt in diesem sehr speziellen Cabrio kurz und erhielten wir Decken – die Temperatur lag bei etwa Null Grad, und es schneite. In Olten konnte ich mit dem Mobilift aussteigen und direkt in den letzten Zug Richtung Bern einsteigen, den IC 800 mit Ankunftszeit 1.00 Uhr. Was für eine Erleichterung! Während dieser Fahrt war ich fast ständig in telefonischem Kontakt mit der SBB-Zentrale in Bern, die versuchte, uns ein Taxi für die Heimfahrt zu organisieren. Zu unserer grossen Überraschung und Enttäuschung war es nicht möglich, in Bern und Umgebung ein geeignetes Fahrzeug aufzutreiben. Die SBB bestellten deshalb ein Taxi in Zürich, das gegen 2.30 Uhr in Bern eintraf. Meiner Bitte, uns ein Hotelzimmer zu reservieren, wurde nicht entsprochen, und so verbrachten wir die mühsamsten 90 Minuten unserer Reise im zugigen und kalten Bahnhof Bern. Langsam machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Um 3.15 Uhr schliesslich kamen wir sehr glücklich zuhause an. Letzte Tat an diesem aussergewöhnlichen Tag: Meine Frau unterschrieb die Taxirechnung von 680 Franken, die von den SBB übernommen wurde.

Im Nachhinein finde ich, dass diese Episode es wert war, erlebt zu werden. Nicht nur gibt mir dies Gelegenheit, sie an Sie weiterzugeben. Sondern auch, auf beruflicher Ebene konstruktiv zur Ausarbeitung besserer Systeme für die Evakuation im Bahnverkehr beizutragen.

Übersetzung: Susanne Alpiger

Anmerkung der Redaktion: Mit dieser Rubrik will AGILE an konkreten Beispielen zeigen, wie Gleichstellung geglückt ist oder wie sie verpasst wurde. Es sollen verschiedene AutorInnen zu Wort kommen. Das Verständnis der AutorInnen von Gleichstellung muss sich dabei nicht zwingend mit demjenigen von AGILE decken. Haben Sie etwas erlebt, das Sie gerne mit einer interessierten Leserschaft teilen möchten? Wenden Sie sich an Eva Aeschimann (eva.aeschimann@agile.ch).