Die FéGAPH wird agil(e) und entwickelt sich weiter!

Im vergangenen Juni hat AGILE Zuwachs erhalten: die neueste Mitgliedorganisation heisst Fédération genevoise des associations de personnes handicapées et de leurs proches (FéGAPH). Die FéGAPH, der Dachverband von 14 Selbsthilfe-Organisationen mit rund 2200 betroffenen Mitgliedern, stellt sich vor.

Von Cyril Mizrahi, Präsident der FéGAPH, ehemaliger Secrétaire romand von AGILE

«Menschen mit Behinderung sind vollwertige Mitglieder der Gesellschaft; sie haben dieselben Rechte und Pflichten wie ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger. Allerdings gibt es immer noch Hindernisse, die verunmöglichen, dass diese Personen ihre Rechte ausüben und vollständig an den Aktivitäten der Gesellschaft partizipieren.»

So beginnt die Präambel (wir sind schliesslich in der internationalen Stadt Genf...) der Statuten der FéGAPH, die immer noch aktuell und seit der Gründung des Verbands vor fast 15 Jahren – 1997 – unverändert geblieben ist. Auf Französisch klingt die von den Gründern gewählte Abkürzung FéGAPH wie die Warnung «Fais gaffe!» (Pass auf!): Menschen mit Behinderung lassen sich nicht alles gefallen; sie wissen, wie sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen!

So heisst es in der Präambel weiter: «Deshalb haben verschiedene im Kanton Genf tätige Organisationen von Behinderten und ihren Angehörigen beschlossen, gemeinsam für ihre Rechte und Interessen einzustehen. Auch wenn jede Art von Einschränkung ihre bestimmten Eigenheiten aufweist und verschiedene Behinderungen dadurch entstehen können, lassen sich zahlreiche Bereiche definieren, in denen ein abgestimmtes oder gemeinsames Vorgehen die jeweiligen Ziele der Organisationen verstärken könnte.»

Hauptansprechpartnerin

Viele Jahre war der Verband vor allem eine informelle und punktuelle Plattform für den Austausch und für die Unterstützung der von den Mitgliedorganisationen, mehrheitlich der Angehörigen-Vereinigungen, geführten Kämpfe. In jüngster Zeit ist die Tätigkeit des Verbands systematischer geworden. Der Rat (Vorstand) besteht aus einem oder zwei Vertretern pro Mitgliedorganisation und trifft sich alle 1-2 Monate. Er diskutiert über die aktuelle Sozial- oder Gleichstellungspolitik, die Menschen mit Behinderung betrifft. Die Mitgliedorganisationen werden so regelmässig informiert und tragen auf kantonaler Ebene zu einer breiteren Mobilisierung bei, insbesondere im Fall der IV-Revisionen. Daher ist die FéGAPH auch Mitglied von AGILE.

Die FéGAPH ist vor allem bei kantonalen Fragen Hauptansprechpartnerin der Behörden, Dienstleistungsanbieter, Medien und der breiten Öffentlichkeit. Sie nimmt an allen Besprechungen teil, bei denen die Rechte und Interessen der Menschen mit Behinderungen und ihrer Angehörigen – unabhängig von der Art der Behinderung – Thema sind (kantonales Konzept gemäss Bundesgesetz über die Institutionen, Reglement über die schulische Integration, neue Kantonsverfassung, Umsetzungsgesetzgebung der Revision des Erwachsenen- und Kinderschutzrechtes etc.). Zudem schlägt die FéGAPH Kandidatinnen und Kandidaten vor, wenn Stellen in offiziellen Instanzen zu besetzen sind, für die eine Vertretung der betroffenen Personen vorgesehen ist.

Ende 2009 reichte die FéGAPH beim Genfer Verfassungsrat die Petition «Für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung» ein (Petition = «proposition collective» mit mindestens 500 Unterschriften). In rund zwei Monaten wurden über 800 Unterschriften gesammelt. Unsere Forderungen wurden zum Teil berücksichtigt: Der Verfassungsentwurf beinhaltet nun insbesondere das Recht auf Zugang zu öffentlichen Bauten und Dienstleistungen, die Anerkennung der Gebärdensprache, einen Integrationsartikel sowie die Abschaffung der automatischen Aberkennung der politischen Rechte von Personen unter Vormundschaft. Ein Erfolg für die Behinderten.

Vernetzte Arbeit

Gleichzeitig wächst die FéGAPH. 2010 und 2011 sind nicht weniger als fünf neue Mitglieder zum Verband gestossen, darunter die Schwergewichte der Selbsthilfe der direkt Betroffenen: der Schweizerische Gehörlosenbund, der Schweizerische Blindenverband und Cerebral Genève; der Rollstuhlclub (Sektion der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung) und Procap Genève gehören ebenfalls zu den Neuankömmlingen. So kann die FéGAPH stolz sein, einen Grossteil der Selbsthilfe- und Elternorganisationen im Kanton zu ihren Mitgliedern zählen zu können. Dazu gehören insbesondere auch insieme (Eltern von Personen mit einer geistigen Behinderung), Autisme Genève und Le Relais, eine Organisation von Angehörigen von psychisch kranken Menschen.

Anders als im Tessin und in Basel gibt es in Genf keine Behindertenkonferenz, welche die Hilfs- und Selbsthilfeorganisationen umfasst. In Genf gibt es eine kantonale Dachorganisation der Selbsthilfe, die vernetzt arbeitet. Die FéGAPH arbeitet insbesondere mit Pro Infirmis zusammen und ist Mitglied des Verbands und des Vorstands von HAU (Handicap Architecture et Urbanisme). Die HAU ist die Dachorganisation der im Bereich der Zugänglichkeit aktiven Verbände, die den kantonalen Dienst für behindertengerechtes Bauen leitet. Die HAU und die FéGAPH arbeiten komplementär zusammen: die HAU befasst sich mit technischen Fragen, die FéGAPH mit politischen.

Die FéGAPH orientiert sich an den Modellen ihrer Pendants in Basel (BF) und im Tessin (FTIA), die ebenfalls Mitglieder von AGILE sind, ohne mit ihnen rivalisieren zu wollen. Sie möchte ihre Mitgliederbasis erweitern und ihre Tätigkeit im Bereich der Vertretung der Rechte und Interessen der Menschen mit Behinderung ausbauen. Der Rat hat deshalb vor kurzem beschlossen, in Genf zusammen mit Procap eine Rechtsberatung für Menschen mit Behinderung einzurichten.

Unser Ziel: Wir wollen uns entwickeln, um unsere Interessen gemeinsam stärker zu vertreten, und wir wollen gleichzeitig dem Gründungsgedanken treu und damit agil(e) bleiben!

Übersetzung: Susanne Alpiger