Behindertenorganisationen müssen sich den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft stellen. Was aber bringt die Zukunft? Welche Trends beeinflussen uns alle? – nicht nur die Behinderten-Selbsthilfe.
Von Eva Aeschimann, Bereichsleiterin Öffentlichkeitsarbeit AGILE
«Wie rüstet sich eine Behindertenorganisation (NPO) für die Zukunft?» – so lautete die Ausgangsfrage für die Jubiläums-PräsidentInnenkonferenz 2011 zum Thema Nachwuchsförderung. Stephan Berthoud, Trendforscher am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) lenkte seinen Blick für AGILE in die nahe und ferne Zukunft auf die Megatrends und ihre Gegentrends.
Berthoud hielt fest, dass es unterschiedliche Ansätze gibt, sich zu überlegen, wie sich die Zukunft gestalten könnte. Einleitend beschrieb er drei der häufigsten verwendeten Denkansätze. Zum einen die quantitativen Prognosen: «Die Uno prognostiziert beispielsweise, wie sich die Population der Kontinente bis 2050 entwickelt», sagt Berthoud. Dabei gehe die Uno davon aus, dass Europa schrumpfe, während die Bevölkerung auf den anderen Kontinenten wachse. «Bevölkerungsprognosen mit einem so weiten Zeithorizont sind allerdings etwa so genau, wie wenn Sie im November Wetterprognosen für Weihnachten machen.» Im Bereich der Soziodemographie gebe es ebenfalls viele quantitative Prognosen. Die Altersschichtung in Bevölkerungen und weitere Indikatoren können mehr oder weniger adäquat prognostiziert werden.
Ein zweiter Ansatz, sich Gedanken über mögliche Zukünfte zu machen, ist die Denkweise in einflussstarken Ereignissen. Der libanesische Forscher und Autor Nassim Taleb hat zu diesem Thema 2007 ein Buch geschrieben mit dem Namen «Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse». Er vertritt darin die These, dass starke Veränderungen in Gesellschaften nur durch «schockartige» stark wirkende Ereignisse eintreten können. Einige Beispiele: Finanzkrise, Klimawandel, Jasminrevolution, Atomkatastrophen etc.
«Die Krux der Denkweise in Ereignissen ist, dass die Ereignisse vielfach nur sehr kurz vorher erkannt werden können», sagt Stephan Berthoud. Man könne Eintrittswahrscheinlichkeiten schätzen und Auswirkungen abschätzen, ob und wann aber ein solches Ereignis eintrete und die Zukunft in irgendeiner Form beeinflusse, wisse man selbstverständlich nicht im Voraus.
Die Trendforscher am GDI verwenden die Trend/Megatrend-Perspektive um abzuschätzen, wo sich die Gesellschaft und Märkte hin entwickeln könnten. Ein Megatrend ist dabei eine Entwicklung, welche einer Gesellschaft neue Möglichkeiten eröffnet und über verschiedene Systeme und Branchen hinweg wirkt. «Eine Entwicklung, welche neue Möglichkeiten bringt, bringt häufig auch Unsicherheiten als Folge mit sich», erklärt Trendforscher Berthoud. Das habe häufig zur Folge, dass sich ein Gegentrend formiere, welcher mehr Sicherheit bringen soll. «Entweder steht ein Gegentrend in Opposition, oder der Gegentrend hat eher kompensatorische Funktion. Diese Entwicklung verneint den Megatrend nicht, sondern kompensiert entstandene Unsicherheiten». Zudem gebe es auch noch sogenannt hybride Trendformen, welche die vermeintlichen Gegensätze vereinten. Dafür und Dagegen sei in demokratischen Gesellschaften quasi intrinsisch angelegt. «Wenn man in der Schweiz die politische Landschaft anschaut, gibt es kaum ein Thema, zu dem sich nicht unterschiedliche Strömungen zeigen».
Stephan Berthoud stellte an der PräsidentInnenkonferenz vier der sieben gesellschaftlichen Megatrends vor, welche aktuell am GDI im Zentrum stehen:
Komplexität/Vernetzung vs. Einfachheit
Die Vernetzung der Dinge und des Menschen geht weiter und macht das Leben teilweise einfacher, aber auch komplexer, ein Teil der Bevölkerung reagiert mit radikalen Einfachheitskonzepten.
Individualisierung vs. Neo-Tribes
Individualisierung ist kein neues Thema. Die Relevanz des Themas ist aber nach wie vor sehr hoch. Der Mensch ist ein Herdentier, die neuen Herden entstehen aber nicht über Verwandtschaft, Beruf oder Geschlecht, sondern über gemeinsame Interessen – Social Medias sind der Treiber dazu.
Frei(heit) vs. Sicherheit
Es entsteht auch in der westlichen Gesellschaft noch mehr Freiheit, dies vor allem in Bezug auf die Freiheit der Nutzung von Ideen, bzw. digitalen Gütern (ob mit oder ohne Copyright). Der Ruf nach mehr Sicherheit wird in der Zeit von Finanzkrisen, selbstverschuldeten Naturkatastrophen und sinkender Toleranz gegenüber vermeidbaren Gesundheitskosten immer lauter.
Science vs. Romance
Die Wissenschaft bringt uns immer bessere Lebensbedienungsanleitungen. Was sie uns aber nicht bringt, ist das Gefühl emotionaler Nähe und Ursprünglichkeit. Und genau das suchen viele immer häufiger als Ausgleich zum optimierten Leben.
Die ForscherInnen des GDI untersuchen den Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft. Sie erkunden und deuten mit überdisziplinären Methoden Trends. «Sie schaffen gefährliche Ideen – solche, die das vermeintlich Unantastbare in Frage stellen. Und sie entwerfen Thesen über zukünftige Entwicklungen. Die Forschungsergebnisse des GDI eröffnen neue Perspektiven und helfen Entscheidern beim Gestalten einer wünschbaren Zukunft», nachzulesen auf der Website des GDI.
Links zum Gottlieb Duttweiler Institut:
News: http://www.gdi.ch/de/news
Forschung: http://www.gdi.ch/de/research/research
GDI-Referent Stephan Berthoud: http://www.gdi.ch/de/about/stephan-berthoud
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