Nachwuchs fördern? – Der Nachwuchs fördert sich selbst!

Wieso möchte AGILE den Nachwuchs fördern? Möglicherweise ist der Nachwuchs bereits da, aber nicht besonders sichtbar. Und zwar, weil er sich als integrierter Teil der Gesellschaft engagiert. Ein persönlicher Tagungsbericht einer jungen Teilnehmerin an der PräsidentInnenkonferenz 2011 von AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz.

Von Raffaella Sturzenegger, Mitglied von avantigirls

An diesem noch nebligen Herbstmorgen fuhr ich ohne Erwartungen und grosse Vorstellungen nach Bern an die Präsidentenkonferenz von AGILE. Ein kurzer Blick in einen beinahe vollen Saal des Berner Kursaals genügte und ich erkannte schnell, dass ich klar zu den jüngeren Jahrgängen gehörte. Trotzdem fühlte ich mich sehr wohl, denn der Umgang war kameradschaftlich, herzlich und locker - auch mit mir als einem neuen Gesicht im Kreis. Angenehm empfand ich auch, dass das «Du», wie auch der Sprachenmix, zur Normalität gehörten. Obwohl ich mich wohl fühlte, fragte ich mich, ob es anderen jungen Personen auch so ergehen würde.

Lust sich zu engagieren?

Kann ein solcher Tag einen jungen Menschen dazu motivieren, in der Selbsthilfe mitmischen zu wollen? Bekomme ich wirklich Lust, mich ehrenamtlich oder auch beruflich dafür zu engagieren?

Die vielen, teils auch sehr spannenden Informationen führten dazu, dass mir der Kopf nach diesem Tag arg brummte. Für mich stimmt, was die Sozialwissenschafterin Ruth Gurny in ihrer Studie aufzeigte. Und zwar, dass junge Menschen sich prinzipiell lieber engagieren, wenn das Thema Spass macht und sich dabei die Möglichkeit zur Selbstentfaltung bietet.

Da ich allgemein nicht möchte, dass eine «Parallel-Gesellschaft» aufrecht erhalten wird, ist es für mich fraglich, ob durch die Präsidentenkonferenz grosse Lust auf ein Engagement aufkommt.

Was bringt denn diese Präsidentenkonferenz?

Aber wer bereits Teil des Ganzen und in einer AGILE-Mitgliedorganisation dabei ist, für den ist diese Konferenz zweifellos ein nützlicher Anlass. Denn dieser Tag bietet einerseits Gelegenheit für den persönlichen Austausch mit Verantwortlichen anderer Organisationen, andererseits auch Gelegenheit, sich noch mehr zu vernetzen. Denn es geht eben nichts über Vernetzung!

Als sehr wertvoll empfinde ich immer, wenn ich mit anderen Behinderungsarten in Kontakt komme. Dies ist jedes Mal eine persönliche Horizonterweiterung und fördert meine eigene Sensibilisierung für Menschen mit einer Behinderung.

Der berühmte Tellerrand

Genau das ist es auch, was ich ganz stark aus dieser Konferenz mitnehme: Vernetzung ist für die Arbeit unerlässlich, auch in der Selbsthilfe. Aber «Ver-netz-ung» hat auch Nachteile, wenn der Austausch nur unter Gleichgesinnten – unter AGILE Mitgliedern – stattfindet. Wenn alle von den gleichen Erfahrungen berichten, besteht die Gefahr, dass wir uns immer in den gleichen «Gedankenräumen» bewegen und somit im «Netz» gefangen bleiben.

Genau aus diesem Grund ist ein Kopfstand so förderlich, oder neue Ideen von aussen. Ein grosses Lob deshalb an AGILE, dass der Dachverband Gäste eingeladen hat, die von sich sagen, sie wollen mit Selbsthilfe nichts zu tun haben: Beispielsweise die junge Studentin und Tänzerin, Mirjam Gasser. Denn Inputs von Anderen helfen, das eigene Gedankenrad anzukurbeln.

Die Gleichstellung leben

Eine neue Sichtweise hat mir die Gruppenarbeit mit Mirjam Gasser eröffnet, eine Frau der jüngeren Generation. Dies, weil ich gesehen habe, wie Selbsthilfe, Gleichstellung und Sensibilisierungsarbeit auch in einem anderem Kleid zu finden sind. «Miss Handicap» als Beispiel oder Tanz- und Theaterprojekte und noch viele weitere Projekte sind Ausdrucksmöglichkeiten der Jugend.

Die Instrumente sind andere. Aber der Gedanke dahinter ist der gleiche wie der von der Selbsthilfe gepredigte: Gleichstellung in der Gesellschaft und das Behindertengleichstellungsgesetz praktisch im Leben umzusetzen. Im Endeffekt streben wir alle dasselbe Ziel an: Menschen mit Behinderung sollen vollumfänglich in der Gesellschaft leben können, wie alle anderen auch.

«Wieso möchte AGILE den Nachwuchs fördern?» Möglicherweise ist der Nachwuchs bereits da. Nur sind die Jungen nicht so auffällig und sichtbar, weil sie sich als integrierter Teil der Gesellschaft engagieren. Eventuell müsste der Fokus vom Problem, dass die Organisationen keine Jungen gewinnen können, auf die bereits existierenden Alternativen gelenkt werden. Vielleicht geht es darum, zu sehen, dass die Selbsthilfe ihr Kleid verändern kann und darf. Interessant wäre es, zusammenzutragen, wie sich die junge Generation ausserhalb der althergebrachten Selbsthilfe-Gedanken ausdrückt und auf die Gleichstellung aufmerksam macht.

Entdecken wir die Jugend mit ihrer eigenen Sprache und Kreativität! Ruth Gurny hat es in ihrer Studie schön formuliert: «Es funktioniert nicht, einfach zu sagen; ‹Hey, die Welt ist scheisse! Mach bei uns mit!› – Sondern die Arbeit soll auch Spass machen!»