Sexualisierte Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen

Im Frühjahr 2011 schockierte der Fall des Behindertenbetreuers H. S. die Schweiz. Während 29 Jahren missbrauchte dieser in verschiedenen Institutionen über 100 Menschen. Wie konnte so etwas geschehen und wie lassen sich sexualisierte Übergriffe verhindern? Das vorliegende Praxishandbuch will Antworten geben und Wege zur Prävention aufzeigen.

Für Sie gelesen von Bettina Gruber

In einer Institution für Behinderte soll es den Betroffenen gut gehen. Für die angestellten Fachleute steht das Wohl der BewohnerInnen im Zentrum. Dies entspricht der Selbstwahrnehmung und dem Berufsethos des Fachpersonals und dem Bild, das die Öffentlichkeit von Behinderteneinrichtungen hat.

In dieses Idealbild bricht Werner Tschan ein mit seiner These: Institutionen sind Hochrisikobereiche bezüglich sexualisierter Gewalt an behinderten Menschen. Der Fall H. S macht für ihn deutlich, dass es nicht weiterhilft, den Täter als besonders grausames Monster abzuqualifizieren. Wo jemand über 29 Jahre in verschiedenen Institutionen so viele BewohnerInnen missbrauchen konnte, stellt sich die Frage, welche Rahmenbedingungen im System einer Institution herrschen, die es potentiellen Tätern ermöglichen, so einfach zu ihrem Ziel zu kommen.

Dazu beschreibt Tschan die Strategien der Täter. Täter-Fachleute gehen geschickt vor. Von ihren KollegInnen werden sie oft als zuvorkommende und freundliche Mitarbeiter wahrgenommen. Nur die Opfer kennen auch die andere Seite. Täter sind Fachleute im Manipulieren ihrer Umgebung und der Opfer. Was dabei besonders schockiert: Sie schaffen es sogar, dass den Opfern, die den Mut aufbringen, sich zu äussern, nicht geglaubt wird.

Und hier kommt nun die Institution ins Spiel. Denn was zu ungeheuerlich ist, als dass man es sich vorstellen könnte, das darf und kann nicht sein. Hilflosigkeit, wegschauen, bagatellisieren, vertuschen, sich allenfalls heimlich, still und leise von einem verdächtigen Mitarbeiter trennen, damit ja nichts nach aussen dringt und an der Institution hängen bleibt. Mit solchen Strategien bleiben die Opfer auf der Strecke, die Täter haben freie Bahn und die Institutionen werden zu Mitschuldigen auch an künftigen Opfern.

Tschan fordert darum Änderungen im Strafgesetz, klarere Standesvorschriften der Berufsverbände, aber besonders auch Präventions- und Interventionskonzepte in den Institutionen. Am Beispiel von Deichbau oder Lawinenschutz verdeutlicht er, dass nur ein proaktives Vorgehen und ein Paket verschiedener Massnahmen das Katastrophenrisiko vermindern kann. Lawinenverbauungen werden im Sommer errichtet und nicht, wenn der Schnee schon meterdick liegt.

Welchen Schaden sexualisierte Gewalt bei den Opfern anrichtet, wird an mehreren Beispielen auf bedrückende Weise deutlich. Viele Betroffene kämpfen ein Leben lang mit ihren traumatischen Erfahrungen, die auch noch Jahrzehnte danach Selbstwahrnehmung und Beziehungsfähigkeit beeinträchtigen können. Darum muss alles getan werden, damit Übergriffe verhindert werden.

Der Autor hat in der Begleitung von Tätern erfahren, dass Rehabilitationsprogramme Erfolg haben. In der Begleitung von Opfern fehlt aber vielerorts noch das nötige Wissen. Gerade bei Ärzten, die unter Umständen die ersten Vertrauenspersonen sind, denen sich ein Opfer öffnet, fehlt Fachwissen im Umgang mit Opfern von sexualisierten Übergriffen weitgehend.

Das 200-seitige Buch liefert ein grosses Mass an präziser Information, an Fakten und Erkenntnissen zu sexualisierter Gewalt an behinderten Menschen und zeigt auf, welche Wege Institutionen beschreiten sollen. Viele Begriffe werden gut erklärt, einiges ist aber für LeserInnen ohne psychologische Ausbildung nicht bis ins letzte Detail verständlich. Trotz dieser kleinen Einschränkung ist die Lektüre ein Gewinn. Gerade auch im Hinblick auf Anpassungen von Strafgesetzesnormen, z.B. zu Verjährungsfristen von sexualisierten Gewaltdelikten, zu welchen wir uns als BürgerInnen eine fundierte Meinung bilden sollten.

Den Schluss macht nochmals die Leidensgeschichte eines Opfers, damit wir bei allen zukunftsweisenden Konzepten nicht vergessen, was im Zentrum unserer Überlegungen stehen muss: das Verhindern von künftigen Opfern, weil jedes Opfer eines zu viel ist. Und ein behutsamer und respektvoller Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt, um ihnen auf ihrem schwierigen Weg nicht noch weiteres Leid zuzufügen.

Sexualisierte Gewalt. Praxishandbuch zur Prävention von sexuellen Grenzverletzungen bei Menschen mit Behinderung, Verlag Hans Huber 2012. ISBN 978-3-456-85109-9, CHF 39.50