«Sprichst du mit mir?»

Der Sprachforscher Henner Barthel kritisiert das klassische Kommunikationsmodell mit Sender, Botschaft und Empfänger als zu eng. Auf der Basis seiner Forschung hält er fest, dass alle behinderten Menschen auch in der Kommunikation behindert seien. Stimmt das? Teil 2 der Artikelserie zu Kommunikation von «agile – Behinderung und Politik».

Von Denise von Graffenried, Pfarrerin

«Wenn ich heute an Kongressen teilnehme, stehe ich manchmal alleine da, obwohl ich Leute kennen würde. Heute kommt es auf meine Tagesverfassung an, ob ich in Kontakt trete», sagt Stephan Hüsler. Der 49-jährige Innerschweizer ist aufgrund seiner, im Erwachsenenalter erlittenen Behinderung, unerwarteten Herausforderungen ausgesetzt.

In seinem ursprünglichen Beruf im Dienstleistungssektor hat er gelernt, Signale bewusst auszusenden: Anzug und Krawatte zieht er für Kongresse ganz selbstverständlich an. Er formuliert klar und differenziert. «Wäre meine Behinderung nicht dazwischen gekommen, hätte ich Karriere gemacht», sagt er und man glaubt ihm sofort. Der vierfache Vater ist extravertiert und kommuniziert gern. Trotzdem fällt es ihm manchmal schwer, sich in ein Gespräch einzubringen.

Stephan Hüsler hat als erwachsener Mensch Rehabilitation erlebt, ihm wurden Hilfestellungen gereicht, um mit seiner Behinderung den Alltag neu organisieren zu können. Kein Thema war in diesem Prozess die Kommunikation, obwohl ihm völlig klar ist, dass in diesem Punkt eine markante Veränderung stattgefunden hat.

Meine Interview-Fragen orientieren sich an den Aussagen von Sprachforscher Henner Barthel. Es ist mein Ziel, im Gespräch mit einzelnen Personen zu prüfen, ob stimmt, was Barthel schreibt. Zeigen sich die Grenzen in der Kommunikation, die Barthel beschreibt, im Alltag von behinderten Menschen? Um es gleich vorweg zu nehmen: Einige Aussagen von Stephan Hüsler haben mich insofern überrascht, weil ich gleiche Kommunikations-Schwierigkeiten in Zusammenhang mit ganz anderen Behinderungsarten kenne. Die Art der Behinderung scheint offenbar unwichtig zu sein. Das Resultat der Kommunikation ist das gleiche Gefühl von Nicht-dazu-zu-gehören.

Henner Barthel schreibt, dass die Sprache als zielgerichtete Tätigkeit von jeder Behinderung beeinflusst wird. Und dies auch dann, wenn die Behinderung sich wie bei Stephan Hüsler erst im Erwachsenenalter als langsame Erblindung entwickelt. Das Wörterbuch im Kopf, die Grammatik im Gedächtnis und auch die Sprechorgane haben sich nicht verändert. Verändert hat sich die einzelne Gesprächssituation. Wie kann ein Mensch ein Gespräch planen, wenn ihm wichtige Informationen fehlen, die ihm früher mühelos zur Verfügung standen? Wie kann er lernen, sich diese fehlenden Informationen zu beschaffen, wo sind Grenzen? Bemerkenswert finde ich, dass Hüsler betont, dass es auf seine Tagesform ankomme, ob er z.B. an einem Kongress mit Menschen spreche oder nicht. Wenn er es aber nicht schaffe, fühle er sich einsam. Seine Behinderung wird so zu seiner ganz persönlichen Angelegenheit. Er braucht eine Extra-Portion Anstrengung für etwas, das nach gängiger Vorstellung nicht von seiner Behinderung betroffen sein sollte.

Immer freundlich bleiben

Ein behinderter Kollege, der für den 49-Jährigen zum Vorbild wurde, hat ihn gelehrt, immer, unter allen Umständen, freundlich zu bleiben. Ein behinderter Mensch könne unverhofft auf Mitmenschen angewiesen sein. «Gut, wenn er seine Aussenbeziehungen pflegt und auch die grotesken Bemerkungen zu seiner Behinderung erträgt», sagt Stephan Hüsler. Nur wenn Kinder spotten, fehlt ihm manchmal die nötige Distanz zur eigenen Person. Denn er lässt sich nicht auf seine Behinderung reduzieren.

Der heutige Student an der Hochschule für Soziale Arbeit in Olten kann sich auf seine frühere, berufliche Kommunikationstätigkeit im Verkauf abstützen: Er kann vor Leute hinstehen und seine Sache sagen. Heute nutzt er diese Fähigkeit privat für seine Familie, beruflich während einer Neuausrichtung und auch für sein behindertenpolitisches Engagement. Stephan Hüsler ist überzeugt, dass gerade in der Behindertenpolitik und Interessenvertretung mit Konzilianz und Flexibilität mehr zu erreichen ist als mit forderndem und aggressivem Verhalten.

Gespräch mit mehreren Personen

In meinem ersten Artikel («C'est le ton qui fait...» oder doch nicht? in «agile – Behinderung und Politik 3-2011») habe ich beschrieben, dass der Sprachforscher Henner Barthel fordert, dass das Geschehen rund um die Kommunikationstätigkeit untersucht wird. Ein Gespräch, wenn mehrere Personen beteiligt sind und spontan geregelt wird, wer wann das Wort ergreift ist kompliziert. Barthel führt drei Konventionen in der Kommunikationstätigkeit auf:

  1. Der Sprecher wendet sich dem nach ihm Sprechenden zu.
  2. Wer zuerst das Wort ergreift, spricht als nächster.
  3. Der Sprecher spricht weiter, wenn niemand anders zu sprechen beginnt.

Diese drei Regeln sind hierarchisch geordnet.

Erst wenn die entsprechenden Signale fehlen, wird es einem Menschen bewusst, dass es irgendwo hapert – und eventuell auch, wo es hapert. Wer z.B. die Mimik von Menschen nicht lesen kann, hat einen Gesprächsnachteil, den er aber vielleicht übers Ohr kompensiert. Natürlich entwickelt jeder einzelne Strategien, um mit dieser Situation umzugehen. Solange er kompensieren kann, läuft alles rund. Zu dumm nur, dass der behinderte Mensch dabei die ganze Leistung erbringt und sich überfordert.

Erblindung als Herausforderung

Stephan Hüsler bestätigt die Beobachtung und Einschätzung von Henner Barthel: Hüsler weiss, dass behinderte Menschen als dünnhäutig oder unbedarft wahrgenommen werden. Wie von selbst schiebe sich die Behinderung zu sehr in den Vordergrund. Weil er nicht sehe, ob er oder ein anderer angesprochen werde, reagiere er manchmal zu rasch. Er gebe sich Mühe, sein natürliches Engagement im Zaum zu halten. Manchmal sei der Mensch neben ihm und nicht er angesprochen. Täglich trainiert Hüsler seine Ohren, damit sie gerade in der Kommunikationstätigkeit seine Augen noch besser kompensieren können. Im Gegensatz zu anderen Menschen, die mit fortschreitendem Alter weniger hören, hört er mehr und genauer.

Artikel-Serie zu Kommunikation

Denise von Graffenried schreibt für «agile – Behinderung und Politik» Beiträge zu Kommunikation von Menschen mit Behinderung. Wo geht Kommunikation über das Bereitstellen von technischen Hilfsmitteln hinaus und welche Behinderung zieht welche Not-wendigkeiten nach sich? Eine Erkenntnis aus dem Interview mit Stephan Hüsler ist, dass Konferenzen und Tagungen für behinderte Menschen auch auf ihre sozialen Interaktionen hin bedacht werden müssen.

Quelle: Henner Barthel, «Einführung in die Pathopsycholinguistik», 1992, Werner J. Röhrig Verlag St. Ingbert