Der bundesrätliche Entscheid zum Abbau bei der Berufsbildung von Jugendlichen mit Behinderung darf nicht gleichgültig lassen, sei es in persönlicher, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Hinsicht. Nötig sind Überlegungen zu den Mechanismen, die im Rahmen des IVG wirken, und eine umfassendere Sichtweise der Politik.
Von Catherine Corbaz, Verantwortliche Bildung und berufliche Integration, AGILE
Seit einiger Zeit frage ich mich, ob unsere PolitikerInnen zu einer Gesamtsicht fähig sind.
Als ausgebildete Ökonomin weiss ich, dass:
Wenn ich von einer gesellschaftlichen Sicht ausgehe, weiss ich auch, dass:
Und ich weiss auch, dass die Gesellschaft ein System ist: Jede Handlung hat Auswirkungen auf einen anderen Teil des Systems. Veränderungen sind nicht linear, und die Beziehungen zwischen den Systemen sind komplex. Ein Beispiel: Der Staat kürzt die Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosenentschädigung. Die Ausgaben sinken, die Arbeitslosigkeit auch, aber die Zahl der Personen, die sich an die Sozialdienste wenden, nimmt zu und damit steigen die Ausgaben der Gemeinden.
Mit dem Entscheid des BSV zur Beschränkung des Zugangs zur Berufsbildung der IV und zur Praktischen Ausbildung von INSOS zeichnet sich ein ähnlicher Mechanismus ab. Nur denjenigen mit einer ECHTEN Chance, im ersten, d.h. im nicht geschützten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden, wird die berufliche Grundbildung finanziert.
Das BSV muss sparen. Dafür kürzt es die Ausgaben für die Berufsbildung der Jugendlichen mit Behinderung. Das Budgetdefizit sinkt. Aber die Personen ohne Ausbildung finden sich in geschützten Strukturen wieder, die der IV Kosten verursachen. Daher stellt sich die Frage: Handelt es sich wirklich um eine Einsparung?
Zudem sind die Personen, die nicht von diesen Massnahmen profitieren, wahrscheinlich weniger glücklich. Denn eine Arbeit im ersten Markt ist für Menschen mit Behinderung oft sehr befriedigend (vgl. Berichte von Betroffenen in den Medien). Ein grosser Teil der Ausgeschlossenen wird noch demotivierter und kränker. Dies wirkt sich wiederum auf die Krankenversicherungskosten aus. Da Zahlen über diese Transfers fehlen, anhand derer man wüsste, ob die Gesamtbilanz der Sozialversicherungen am Ende positiv oder negativ ist, frage ich mich, ob sich diese Massnahmen tatsächlich lohnen. Ich vermute, dass der Staat das, was er auf der einen Seite gewinnt, auf der anderen wieder verliert. Anders gesagt – ich verstehe die Logik und den Sinn dieser Massnahmen nicht. Oder handelt es sich um einen «unausgesprochenen» Abbau?
Daher stellen sich verschiedene Fragen: Wie kann man sich ausbilden und integrieren, wenn man keinen Zugang zu einer anerkannten beruflichen Grundbildung hat? Wie bekommt man eine Chance auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt, wenn man keine Ausbildung machen kann? Wie kann man wissen, ob jemand eine echte Chance hat, eine Stelle zu finden, wenn diese Person keine Ausbildung machen und keine Kompetenzen erwerben kann? Nach welchen Kriterien geschieht dies?
Als Ausbilderin weiss ich, dass eine Ausbildung – manchmal erstaunliche – Wirkungen auslösen kann. Manche können (wieder) zu beträchtlicher Motivation finden, dem Wort «Arbeit» einen Sinn geben, wenn sie endlich den zu ihnen passenden Beruf finden und erlernen. Bildung, einschliesslich der Grundbildung, hat nicht nur die Arbeit zum Ziel. Sie ist eine Bereicherung, ein Zugang, eine Öffnung zur Welt.
Den Zugang zur Bildung aus Rentabilitätsgründen zu beschränken ist kleinlich. Und wenn dies Personen mit Behinderung betrifft, ähnelt dies (organisierter?) Ausgrenzung!
Eine Gesamtsicht fehlt hier ganz klar. Wo sind die Politikerinnen und Politiker, die in der Lage sind, zu abstrahieren? Ein umfassendes Modell für soziale Sicherheit vorzuschlagen? Über eine Gesamtschau über die Ausgaben und Einnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden verfügen? Die fähig sind, sinnvolle Massnahmen für die berufliche Integration und Bildung vorzuschlagen?
Wie jeder Velofahrer weiss ich, dass man tief über den Lenker gebeugt Gefahr läuft, die nächste Kurve zu übersehen. Wenn man sie sieht, ist es zu spät, um zu bremsen und den Sturz in den Abgrund zu verhindern. Also, meine Damen und Herren Politiker, heben Sie Ihren Blick!
Übersetzung: Susanne Alpiger
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