ENIL-Umfrage: Schweiz bei Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen abgeschlagen
Wie steht es um die Selbstbestimmung in Europa?
Das ENIL, bei dem Agile Mitglied ist, hat 2024 eine umfassende Umfrage zur Umsetzung des Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderungen durchgeführt. Befragt wurden Einzelpersonen mit Behinderungen sowie Organisationen aus 24 europäischen Ländern.
Bewertet wurden zentrale Lebensbereiche wie:
- Wohnen mit Behinderung
- Persönliche Assistenz
- Barrierefreiheit
- Gesundheit und Pflege
- Bildung und Beschäftigung
Die Bewertungen erfolgten auf einer Skala von 1 (Recht nicht garantiert) bis 5 (Recht vollständig garantiert). Die Schweiz erhielt dabei einen Wert von 1.9 – ein klares Zeichen für strukturelle Defizite in der Behindertenpolitik.
Schweiz im europäischen Vergleich: Schlusslicht bei Inklusion
Während Länder wie Island (3.2), Schweden (2.9) und Malta (2.8) führend sind, rangiert die Schweiz im unteren Drittel. Die Ergebnisse zeigen, dass die Umsetzung der UNO-BRK in der Schweiz noch weit entfernt von einem inklusiven Ideal ist. Die Rechte auf Teilhabe und Selbstbestimmung sind für viele Menschen mit Behinderungen nicht ausreichend gewährleistet.
Deinstitutionalisierung: Ohne Aktionsplan keine Fortschritte
Bereits 2020 hatte ENIL ähnliche Defizite festgestellt. Im Beitrag «Keine Deinstitutionalisierung ohne Aktionsplan» auf Agile.ch analysierte Florian Sanden, politischer Koordinator von ENIL, die damalige Umfrage. Sein Fazit: Ohne konkrete Strategien zur Deinstitutionalisierung bleibt Selbstbestimmung ein leeres Versprechen. Nur 42 % der Länder verfügten damals über einen Aktionsplan – die Schweiz gehörte nicht dazu.
Jetzt lesen: Die vollständige ENIL-Umfrage 2024
Die vollständige Umfrage ist als PDF auf Englisch verfügbar und bietet detaillierte Einblicke in die Bewertungen der einzelnen Länder: Independent Living Survey 2024 (PDF, Englisch)
Agile fordert echte Selbstbestimmung
Als Dachverband der Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungen setzt sich Agile seit Jahren konsequent für die Umsetzung der UNO-BRK und für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen ein. Die Ergebnisse der ENIL-Umfrage bestätigen einmal mehr den dringenden Handlungsbedarf in der Schweiz. Im Rahmen der Inklusionsinitiative und ihrer Stellungnahme zum Gegenvorschlag des Bundes fordert Agile unter anderem:
- einklagbare Rechte für Menschen mit Behinderungen,
- verbindliche Zuständigkeiten von Bund und Kantonen,
- strategische Aktionspläne zur Deinstitutionalisierung,
- sowie den Ausbau von Assistenzleistungen und barrierefreien Unterstützungsangeboten.
Agile wird den aktuellen Entwurf des Gegenvorschlags eingehend analysieren und konkrete Verbesserungsvorschläge einreichen – mit dem Ziel, echte Inklusion und Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen zu ermöglichen.
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