Standpunkt

Dazugehören ist ein Menschenrecht

Die Schweiz schliesst 1,8 Mio. Menschen mit Behinderungen vom gesellschaftlichen Leben aus. Das muss sich ändern. Mit der Inklusionsinitiative fordern wir Menschen mit Behinderungen, was für andere selbstverständlich ist. Gleichstellung und Teilhabe müssen in der Bundesverfassung verankert werden.
Simone Leuenberger
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agile
Simone Leuenberger beim Sammelstart der Inklusionsinitiative im April 2023 (c) PublicBeta
«Würden Sie es sich gefallen lassen, nicht selbst entscheiden zu können, wo und mit wem Sie leben wollen?»

Ich ging in die Dorfschule, habe eine Ausbildung gemacht, bin erwerbstätig, wohne in einer eigenen Wohnung und verbringe die Freizeit mit Freunden und Familie. Nichts aussergewöhnliches oder? Für uns Menschen mit einer Behinderung leider schon.

Leben in der Parallelgesellschaft …

Eine persönliche Frage: Wie viele Menschen mit Behinderungen kennen Sie?

In der Schweiz lebt jede fünfte Person mit einer Behinderung. Im Alltag begegnen wir Menschen mit Behinderungen aber kaum. Sie fehlen in der Schule, in der Ausbildung, in der Arbeitswelt. Wir treffen sie selten bis nie auf dem Sportplatz oder im Konzert. Wenn wir auf Menschen mit Behinderungen treffen, wissen wir nicht so recht, wie wir uns verhalten sollen. Warum?

Weil die Schweiz ein Parallelsystem für Menschen mit Behinderungen aufgebaut hat und sich das auch einiges kosten lässt. Es gibt spezielle Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnorte, besondere Freizeit- und Ferienangebote. Menschen mit Behinderungen sind unter sich, ob sie das wollen oder nicht. Dadurch sind sie ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben.

Engagieren wir uns gemeinsam für eine Schweiz, bei der alle dazugehören. Unterstützen auch Sie die Inklusionsinitiative!

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… oder mit täglichen Hindernissen …

Mit meinem Lebenslauf gehöre ich zu den privilegierten Menschen mit Behinderungen. Im Alltag stosse allerdings auch ich täglich auf Hindernisse, die mir das Leben in der Gesellschaft erschweren oder gar verunmöglichen. Beispiele gefällig? Will ich auf den Zug, geht das nur an bestimmten Bahnhöfen und auf Voranmeldung. Spontanes Reisen kenne ich nicht. Das Feierabendbier lasse ich lieber aus, denn ein rollstuhlgängiges WC gibt es selten in nützlicher Nähe. Konzerttickets kaufen ist eine Meisterleistung. Wenn ich Glück habe, finde ich eine Telefonnummer und hänge dann in der Warteschlaufe. Nachbarn, Freunde oder Familie besuchen? Fehlanzeige. Die meisten Wohnungen sind nur über Stufen erreichbar.

Menschen mit Behinderungen stossen in der Schweiz aber noch auf ganz andere Barrieren. Viele dürfen nicht wählen und abstimmen, werden immer noch zwangssterilisiert und dürfen nicht selbst entscheiden wo und mit wem sie leben wollen. Würden Sie sich das gefallen lassen?

… lassen wir uns nicht länger gefallen!

Wir Menschen mit Behinderungen lassen uns nicht länger behindern und ausschliessen. Wir fordern eine inklusive Gesellschaft – eine Gesellschaft für alle, die wir mit unserer Teilhabe bereichern wollen. Das geht nur, wenn wir dieselben Rechte haben wie Menschen ohne Behinderungen. Deshalb haben wir die Inklusionsinitiative lanciert. Sie wird unterstützt von einer breiten Trägerschaft, darunter Agile und Inclusion Handicap. Die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen muss in der Bundesverfassung verankert werden!

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