Standpunkt

Gleicher Lohn für gleiche Leistung

Der Equal Pay Day ist der Tag im Jahr, ab dem der Lohnzähler auch für die Frauen zu laufen beginnt. Bis dahin arbeiten sie nämlich aufgrund des statistischen Lohnunterschiedes zwischen Frauen und Männern gratis. Wann ist wohl der Equal Pay Day für Menschen mit Behinderungen?
Simone Leuenberger
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agile
Simone Leuenberger © Marion Nitsch/Lunax
«Wir Menschen mit Behinderungen wollen gleichen Lohn für gleiche Leistung.»

Es war im Februar, kurz nach dem 20., wie sich später herausstellte. Ich mache einen Spaziergang mit einer Freundin. Wir überlegen, ob wir den Waldweg links oder rechts nehmen – Morast hat es so oder so. Plötzlich trifft mich dieser Gedankenblitz, der mich nicht mehr loslässt: Wann ist eigentlich der Equal Pay Day für Menschen mit Behinderungen?

Imaginäres Streitgespräch

Es bleibt nicht beim Gedankenblitz. In meinem Hirn findet ein regelrechtes Streitgespräch statt. Die linke Hirnhälfte meint: «Diesen Gedanken kannst du gleich wieder vergessen. Menschen mit Behinderungen verdienen sowieso weniger. Die haben doch aufgrund ihrer Behinderung eine Leistungseinbusse. Und Arbeitgebende zahlen eben nur für die Leistung.» «Halt!», ruft die rechte Hirnhälfte. «Für die Leistungseinbusse kriegen wir doch eine Kompensationsleistung, und die heisst Invalidenrente. Die deckt, zumindest in der Theorie, den behinderungsbedingten Erwerbsausfall. Für die effektiv erbrachte Leistung wollen wir Menschen mit Behinderungen gerechte Löhne, genauso wie die Frauen. Nur bezweifle ich, dass wir die bekommen.» «Ok, aber berechnen lässt sich das nicht. Viel zu kompliziert», schlussfolgert die linke
Hirnhälfte.

Zugegeben, ich bin keine Statistikerin. Meine eine Hirnhälfte hat die andere vorerst schachmatt gesetzt. Aber es gibt eine Revanche. Irgendwie muss es doch möglich sein, den Lohnunterschied und damit den Equal Pay Day für Menschen mit Behinderungen zu berechnen. Oder zumindest muss die Gesellschaft auch mal darüber diskutieren.

Der Lohn von IV-Rentner*innen ist um 14 Prozent tiefer als der Durchschnittslohn.

Überraschung: Es gibt einen Equal Pay Day für Menschen mit Behinderungen

Meine Freundin hat mittlerweile entschieden. Wir gehen nach rechts. Der Gedanke verfolgt mich weiter. Wenn die Frauen einen Equal Pay Day haben, dann wollen wir Menschen mit Behinderungen auch einen! Ein klein wenig Trotz schwingt mit in meiner Forderung, das gebe ich zu.

Etwas überrascht war ich, als ich kurz nach unserem Spaziergang plötzlich Daten für die Berechnung «unseres» Equal Pay Day vor mir hatte. Wo ich die so schnell herhatte? Die Coop Rechtsschutz AG hat ein Gutachten zu dem Thema in Auftrag gegeben. Und dort steht auf Seite 38 schwarz auf weiss: Der Lohn von IV-Rentner*innen ist um 14 Prozent tiefer als der Durchschnittslohn.

Wir hätten in dem Jahr den Equal Pay Day am 20. Februar gleich mit den Frauen feiern können. Der aktuelle Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern liegt nämlich auch bei 14 Prozent. Und wann ist demzufolge der Equal Pay Day für Frauen mit Behinderungen? Ganz sicher würden wir zu dem Zeitpunkt auf unserem Waldspaziergang nicht mehr im Wintermorast versinken.

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