Nationalrat will betreutes Wohnen über EL fördern – Hürden bleiben bestehen

Der Nationalrat befürwortet grundsätzlich eine vom Bundesrat vorgelegte Änderung des Ergänzungsleistungsgesetzes (ELG), die darauf abzielt, das betreute Wohnen im eigenen Zuhause zu fördern. Da er aber wesentliche Verbesserungsvorschläge der zuständigen Kommission ablehnt, wird dies nur teilweise gelingen.

Die auf der Motion 18.3716 basierende Änderung des Bundesgesetzes über die Ergänzungsleistungen zur AHV/IV (ELG) sieht vor, gewisse Leistungen für das betreute Wohnen wie zum Beispiel Notrufsysteme oder Mahlzeitendienste über die Ergänzungsleistungen zu finanzieren. Bei den Mietkosten sollen bei Bedarf Zuschläge für ein Nachtassistenzzimmer und eine rollstuhlgängige Wohnung berücksichtigt werden. Damit will die Motion das selbstständige Wohnen von älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen fördern. Ziel ist es, Heimeintritte zu verzögern oder zu verhindern und den Wechsel vom stationären Wohnen in ein eigenes Zuhause zu erleichtern.

Gewisse Verbesserungen auch für IV-Rentner*innen erreicht

Der Bundesrat sah die Leistungen zunächst nur für AHV-Rentner*innen mit Ergänzungsleistungen vor. Agile hat sich bereits in der Vernehmlassung zusammen mit weiteren Verbänden dafür eingesetzt, dass auch Personen mit einer IV-Rente von den Leistungen profitieren können. Wir sind erfreut, dass der Bundesrat der Forderung nachgekommen ist und nun auch der Nationalrat dieser Änderung zustimmt. Der Nationalrat erzielte auch beim Rollstuhl- und Nachtassistenzzimmerzuschlag gewisse Verbesserungen gegenüber der Vorlage des Bundesrats. Neu soll ausserdem explizit erwähnt werden, dass die Leistungen unter anderem auf die Erhaltung und Förderung von Selbstbestimmung, die gesellschaftliche Teilhabe und die Vorbeugung von psychischen Krisen abzielen sollen.

Weitere Massnahmen dringend nötig

Bedauerlich ist, dass der Nationalrat verschiedene Anträge, für die sich Agile und andere Verbände stark gemacht haben, nicht angenommen hat. Die vorgesehenen Mindestbeträge für das betreute Wohnen werden in vielen Fällen nicht ausreichen. Einen Nachtassistenzzuschlag soll nur erhalten, wer einen IV-Assistenzbeitrag bezieht, obwohl auch andere Personen auf Unterstützung in der Nacht angewiesen sind. Problematisch ist auch, dass wichtige Handlungsfelder wie die Förderung und Begleitung in der Alltagsgestaltung, Besuchsdienste sowie Beratung und Koordination im Leistungskatalog nicht explizit berücksichtigt werden sollen. Auch die freie Wahl der Leistungserbringenden ist nicht gewährleistet. Damit kann das selbstbestimmte Wohnen im eigenen Zuhause nur begrenzt gefördert werden. Frühzeitige, unnötige und oft teurere Heimeintritte werden in vielen Fällen nicht verhindert werden können.

Die Diskussion um die Vorlage wird zu einem späteren Zeitpunkt im Ständerat weitergeführt. Wir hoffen, dass dieser weitergehende Verbesserungen bewirken kann. Gleichzeitig ist für uns klar: Es braucht dringend zusätzliche Massnahmen, damit Menschen mit Behinderungen ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Wohnen umfassend wahrnehmen können. Agile setzt in dieser Hinsicht auch auf die Modernisierung des Bundesgesetzes über die Institutionen zur Förderung der Eingliederung von invaliden Personen (IFEG) (vgl. Motion 24.3003) und engagiert sich im Rahmen der Inklusionsinitiative und der Forderung nach einem griffigen Inklusionsgesetz für die Erreichung dieses Ziels.

Weitere Informationen

Mehr zum Thema Behindertenpolitik

  • Medienmitteilung

    Wohnungsmarkt benachteiligt Menschen mit Behinderungen systematisch

    Menschen mit Behinderungen finden oft keine geeignete Wohnung – wegen fehlender Barrierefreiheit, mangelnder Angebote und struktureller Hürden. In der Sommersession berät der Nationalrat einen Vorstoss gegen diese Diskriminierung. Agile fordert: Das Problem muss systematisch erfasst werden, damit wirksame Lösungen möglich sind.
    Link zur Detailseite
  • Beitrag- Forderung

    Sessionsbrief Sommersession 2026: Inklusion im Fokus

    In der Sommersession 2026 werden zentrale Weichen für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gestellt. Agile nimmt Stellung zu ausgewählten Geschäften und zeigt auf, wo Fortschritte für Inklusion und Selbstbestimmung möglich sind – und wo weiterhin Handlungsbedarf besteht. Im Fokus stehen unter anderem Diskriminierung beim Wohnen, die IV-Praxis, die Situation pflegender Angehöriger sowie Anforderungen an barrierefreie Schutz- und Evakuierungsmassnahmen.
    Link zur Detailseite
  • Beitrag- Forderung

    Sondersession 2026 im Nationalrat: Schutz, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung im Fokus

    In der Sondersession des Nationalrats werden mehrere Vorlagen behandelt, die für Menschen mit Behinderungen von zentraler Bedeutung sind. Agile nimmt zu drei Geschäften Stellung und fordert vom Parlament klare Entscheide für Schutz, Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe.
    Link zur Detailseite
  • Medienmitteilung

    Ständerat berät Angehörigenpflege: Agile fordert Wahlfreiheit und klare Regeln

    Agile fordert vom Ständerat Wahlfreiheit, faire Bedingungen für pflegende Angehörige und klare Qualitätsregeln. Motion 26.3012 unterstützen, 26.3013 überarbeiten.
    Link zur Detailseite
  • Beitrag- Forderung

    Frühjahrssession 2026: Empfehlungen von Agile und die wichtigsten Geschäfte im Überblick

    In der Frühjahrssession 2026 entscheidet das Parlament über zentrale Geschäfte zur Inklusion und zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen. Agile fasst die wichtigsten Vorlagen zusammen und gibt klare Abstimmungsempfehlungen für National- und Ständerat.
    Link zur Detailseite
  • Beitrag

    Bundesrat lehnt Inklusionsinitiative ab – Gegenvorschlag überzeugt auch nach Überarbeitung nicht

    Der Bundesrat hat heute seine Botschaft zur Volksinitiative «Für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (Inklusionsinitiative)» und ihrem indirekten Gegenvorschlag verabschiedet. Dank vorheriger massiver Kritik wurde der Entwurf stellenweise nachgebessert. Das Resultat bleibt dennoch weit hinter den Erwartungen des breiten Unterstützungsnetzwerks zurück.
    Link zur Detailseite
Nach oben scrollen