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Simone Leuenberger - 
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agile

Worte haben Macht. Beispiel: trotz

Selbstständig trotz Behinderung» oder «Studium trotz Behinderung». Solche Aussagen höre ich zuhauf. Warum heisst es eigentlich immer «trotz Behinderung»? Was oder wem wird da getrotzt? Der Behinderung? Und was bringt das? Führt das «trotz» nicht vielmehr zu einer Abwehrhaltung gegenüber der Behinderung – und damit schlussendlich auch gegenüber Menschen mit Behinderungen?

Sage ich «trotz», zieht sich mein Herz zusammen. Ich bin nicht mehr frei. Ich habe den Trotz in mir, die Auflehnung. Das fühlt sich unversöhnlich an. Ein ewiger Kampf gegen mich selbst.

Das Wort trotz wird häufig im Zusammenhang mit Behinderung gebraucht. Es kommt aber auch gerne in Verbindung mit Kindern zum Einsatz. Dann heisst es «Ferien trotz Kindern» oder «erwerbstätig trotz Kindern». Auch hier geht es um ein Hindernis, das überwunden werden muss. War es zuvor die Behinderung, sind es jetzt die Kinder. Im Ernst jetzt?

Rebellion versus Rückzug

O.K., ein Leben mit Behinderung und auch ein Leben mit Kindern verspricht zusätzliche Herausforderungen. Wie stellen wir uns denen? Mit dem Klotz der Rebellion im Bauch? Mit Rückzug oder einer versöhnten Herzenshaltung? Letzteres ist bestimmt die beste Idee. Rebellion braucht es manchmal aber auch. Die richtet sich dann aber nicht gegen meine Behinderung oder meine Kinder, sondern gegen die Gesellschaft und die Umwelt, die nicht für uns geschaffen sind, die uns ausschliessen statt miteinbeziehen.

Um diese Rebellion zum Ausdruck zu bringen, müssen wir das Wort trotz im obigen Zusammenhang aus unserem Wortschatz streichen.Ersetzen wir es durch «mit»!

«Selbstständig mit Behinderung», «Studium mit Behinderung», «Ferien mit Kindern», «erwerbstätig mit Kindern». Wie hört sich das für Sie an? Für mich definitiv besser. Mit dem Wort mit statt trotz gehören sowohl Behinderung als auch Kinder einfach dazu. Sie sind Teil meiner Identität.

Makel Behinderung

Und genau bei der Identität haben wir Menschen mit Behinderungen ein riesiges Defizit. Laut Bundesamt für Statistik leben 20% der Schweizer Bevölkerung mit einer Behinderung – jede fünfte Person. Scannen Sie mal Ihr Umfeld: 1, 2, 3, 4, behindert. 1, 2, 3, 4, behindert. Man fragt sich, ob die Zahl stimmt, denn das funktioniert nicht mal in meinem Umfeld, und ich kenne überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderungen. Wo liegt also das Problem? Ich meine, bei der Identifikation! Viele Menschen mit Behinderungen sehen sich nicht als solche und sprechen deshalb auch nicht darüber. Warum wohl?

Behinderung wird immer noch als Makel angesehen. Es gibt kaum Berichte in den Medien zum Thema Behinderung ohne die leidige Phrase «leidet an …». Und wer leidet schon gerne? Also lieber die Behinderung ausblenden, negieren, verstecken, kompensieren. Bringt uns das weiter? Sicher nicht! Wenn wir uns nicht selbst als behindert sehen, kann sich auch niemand mit uns verbünden. Aber ohne Verbündete schaffen wir es nicht annähernd zu einer inklusiven Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alle dazugehören. Eine Gesellschaft, die niemanden nur duldet oder gar ausschliesst.

Wir Menschen mit Behinderungen brauchen eine bedingungslose Identifikation mit unserer Behinderung – ein Coming-out. Und damit weg vom leidigen «trotz» zum selbstverständlichen «mit»!

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