Leitfaden inklusive Sprache: So vermeiden Sie Ableismus
Inklusive Sprache bedeutet, Menschen mit Behinderungen respektvoll zu benennen – ohne sie auf ihre Behinderung zu reduzieren. Begriffe wie «an den Rollstuhl gefesselt» oder «geistig behindert» sind nicht nur veraltet, sondern auch verletzend. Stattdessen sprechen wir von «Menschen, die einen Rollstuhl nutzen» oder «Menschen mit kognitiver Behinderung».
Ableismus – also die Diskriminierung aufgrund einer Behinderung – zeigt sich oft subtil im Sprachgebrauch. Wer sich für Barrierefreiheit in der Kommunikation einsetzt, trägt aktiv zu mehr Inklusion und sozialer Gerechtigkeit bei.
Sprache verändert Wahrnehmung. Deshalb ist es wichtig, sich mit dem eigenen Sprachgebrauch auseinanderzusetzen und respektvolle Begriffe zu wählen. So schaffen wir ein Umfeld, in dem sich alle Menschen gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Die innere Haltung
Was, wenn Sie eine Behinderung hätten?
Fragen Sie sich, wie Sie gerne dargestellt oder angesprochen würden, wenn Sie eine Behinderung hätten.
Mit Respekt bitte
Nehmen Sie Menschen mit Behinderungen ernst, und respektieren Sie sie. Sie sind weder hilfsbedürftig noch hilflos, sondern haben dieselbe Menschenwürde wie Menschen ohne Behinderungen.
Spielt die Behinderung eine Rolle?
Überlegen Sie sich, ob die Behinderung Ihres Gegenübers überhaupt von Bedeutung ist.
Die wichtigsten Begriffe
Out | In |
|---|---|
Invalide*r | Mensch mit Behinderungen, falls möglich mit Behinderungsart, z.B. Menschen mit Körperbehinderungen, mit Sehbehinderung etc. |
invalid | behindert |
Invalididität | Behinderung |
Invaliden-WC | WC für Menschen mit Behinderungen |
Invalidenparkplatz | Parkplatz für Menschen mit Behinderungen |
Begründung
Der Begriff «invalid» und seine Ableitungen müssen aus der Alltagssprache verschwinden. «invalid» bedeutet «unwert», «wertlos», «ungültig», «schwach». Der Begriff aus dem Lateinischen bezeichnete ab dem 18. Jahrhundert Menschen, die einen Krieg mit einer bleibenden Verletzung oder Behinderung überlebt haben. Mit der Verwendung des negativ besetzten Begriffs «invalid» reduzieren Sie eine Person auf ihre Behinderung und machen sie zum Objekt. Die Person selbst wird zur Nebensache.
Out | In |
|---|---|
IV-Fall | Versicherte*r, Rentenbeziehende*r,
Leistungsberechtigte*r |
Begründung
Der Begriff ist unpersönlich und abwertend. Er besetzt Personen mit Behinderungen negativ. Menschen, die berechtigt sind, eine Leistung der Invalidenversicherung zu beanspruchen, sind keine Objekte. Sie bleiben als Personen Subjekte.
Out | In |
|---|---|
Behinderte*r, Krüppel*in,
Mensch mit Handicap, Mensch mit besonderen Bedürfnissen, Andersbegabte*r | Mensch mit Behinderungen, falls möglich mit Behinderungsart, z.B. Menschen mit Körperbehinderungen, Sehbehinderungen etc. |
Begründung
- Die Substantivierung «Behinderte*r» reduziert den Menschen auf die Behinderung. Sie vermittelt das Bild einer Spezial- oder Untergruppe innerhalb der Gesellschaft, die sich von Menschen ohne Behinderungen deutlich abgrenzt.
- Der Ausdruck «Krüppel*in» bezeichnet ursprünglich einen in seiner Bewegungsfähigkeit physiologisch dauerhaft behinderten Menschen. Auch jemand, dem von Geburt an oder durch äussere Einwirkungen Gliedmassen fehlten, wurde als verkrüppelt bezeichnet. Heute gilt Krüppel*in als Schimpfwort, das nicht nur eine körperliche oder kognitive Behinderung feststellt, sondern einem missliebigen Menschen als Beleidigung eine solche Behinderung zuspricht.
- Im deutschsprachigen Raum wird «Handicap» praktisch synonym mit «Behinderung» gebraucht. Der englische Begriff wird von vielen als beleidigend empfunden, weil er als Bild an cap-in-the-hand, also an Betteln, erinnert. Der tatsächliche Hintergrund von hand-in-cap ist aber ein anderer. Der Begriff geht auf ein altes englisches Spiel zurück, bei dem das eingesetzte Geld in einen Hut oder eine Kappe gelegt wird. Handicap wurde früher in England auch bei Pferderennen verwendet. Ein überlegenes Pferd erhielt vom Schiedsrichter zusätzliches Gewicht (Handicap) aufgelegt, um seinen Vorteil auszugleichen. So gesehen entspricht Handicap einer künstlichen Benachteiligung. Später wandelte sich die Bedeutung von Handicap in eine grundsätzliche Benachteiligung.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Begriff für die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) aufgegeben und den Begriff «Disability» (jetzt: Behinderung) als Oberbegriff für alle drei Aspekte (Körper, Individuum und Gesellschaft) eingeführt. - Die Formulierung «Mensch mit besonderen Bedürfnissen» soll eine positive Bewertung einer Andersartigkeit widerspiegeln – ist aber beliebig und ohne Aussagekraft. Sie trifft auch auf viele andere Gruppen zu: alte, kranke, arbeitslose, drogenabhängige Menschen, Kinder, Menschen mit Migrationshintergrund usw. Genau genommen gilt diese Formulierung für alle Menschen. Alle haben besondere Bedürfnisse. Menschen mit Behinderungen sind kein besonderer Menschenschlag. Ihre Wünsche und Bedürfnisse unterscheiden sich von Person zu Person – wie bei Menschen ohne Behinderungen auch.
- Andersbegabte*r: Jeder einzelne Mensch hat andere oder unterschiedliche Fähigkeiten oder Begabungen. Auch bei Menschen mit Behinderungen unterscheiden sich Fähigkeiten und Begabungen von Person zu Person – wie bei Menschen ohne Behinderungen auch.
Out | In |
|---|---|
von einer Behinderung betroffen sein, an einer Behinderung leiden, ein schweres Los tragen, ein trauriges Schicksal haben, trotz Behinderung das Leben meistern | leben mit Behinderungen, eine Behinderung haben |
Begründung
- Die Formulierung «von einer Behinderung betroffen sein» impliziert Ohnmacht und eine schwierige Situation. Sie definiert den Menschen mit Behinderungen als dem Schicksal ausgeliefert und schliesst Selbstbestimmung aus.
- Die Begriffe «an einer Behinderung leiden, ein schweres Los tragen, ein trauriges Schicksal haben» implizieren eine schwierige, schmerzvolle Situation und definieren Menschen mit Behinderungen auf einer rein emotionalen Ebene.
- Trotz Behinderung das Leben meistern: Wer mit einer Behinderung lebt, ist nicht automatisch ein*e Held*in
Out | In |
|---|---|
von Autismus betroffen, an Autismus leiden, Person mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) | Autistische Person, Autist*in, Person im Autismus-Spektrum |
Begründung
- Autistische Person: Identitätsorientiert (Identity-First Language). In neurodiversitätsorientierten und aktivistischen Kontexten häufig bevorzugt. Viele Autist*innen verstehen Autismus als Teil ihrer Identität und ihres Körpers.
→ Beispiel: «Eine autistische Person berichtet…» - Autist*in: Ebenfalls Identity-First Language und in der Selbstvertretung sehr verbreitet. Der Begriff wird oft gewählt, um Autismus als Bestandteil der eigenen Identität auszudrücken.
Viele Autist*innen sagen über sich: «Ich bin Autist*in», nicht «Ich bin eine Person mit Autismus».
→ Beispiel: «Als Autist*in erlebt man…» - Person im Autismus-Spektrum: Person-First Language. Betont die Vielfalt des Spektrums, ohne medizinische Hierarchien oder Zuschreibungen zu reproduzieren.
→ Beispiel: «Eine Person im Autismus-Spektrum nahm teil…»
Out | In |
|---|---|
Mensch mit Beeinträchtigungen | Verwenden Sie «Beeinträchtigung», wenn Sie eine spezielle Funktionsbeeinträchtigung beschreiben, z.B. Personen mit visuellen Beeinträchtigungen, mit motorischen Beeinträchtigungen. |
Begründung
Eine «Beeinträchtigung» ist eine Funktionseinschränkung aus medizinischer Sicht. Häufig ziehen ältere Menschen den Begriff «Beeinträchtigung» dem Begriff «Behinderung» vor.
Out | In |
|---|---|
behindert ≠ krank | |
behindert ≠ a(b)normal |
Begründung
- Mit Behinderungen zu leben, bedeutet nicht automatisch, krank zu sein. Behinderung ist kein Synonym für Krankheit. Krankheiten sind im guten Falle heilbar, im schlechten Falle tödlich. Behinderung hingegen ist in der Regel etwas Dauerhaftes; sie muss aber auch nicht zwingend ein ständiges Leiden verursachen.
- Was als «normal» gilt, ist immer relativ. Wo genau das «Normale» anfängt und wo es aufhört, dazu gibt es viele Meinungen. Die Kategorien «normal / a(b)normal» sind deshalb ungeeignet, um Menschen mit und ohne Behinderungen zu beschreiben.
Out | In |
|---|---|
behindertengerecht | hindernisfrei |
Begründung
Der Begriff «behindertengerecht» verleitet dazu, nur an Massnahmen für Menschen mit Behinderungen zu denken. Er unterschlägt, dass Hindernisfreiheit – wie der niveaugleiche Einstieg in ein Verkehrsmittel – allen zugutekommt.
Out | In |
|---|---|
Taubstumme*r | Mensch mit Hörbehinderung, mit Hörbeeinträchtigung, mit auditiver Beeinträchtigung, mit Schwerhörigkeit, mit Gehörlosigkeit |
Begründung
Viele gehörlose Menschen können sehr wohl sprechen, aber nicht hören. Sie sind also nicht sprachlos, können aber die Lautsprache nur eingeschränkt nutzen. Häufig kommunizieren sie mit Gebärden- und/oder Lautsprache und mittels modernen Technologien wie Internet, E-Mail, SMS usw. Taub ist dagegen die Beschreibung eines Zustands von Gefühllosigkeit: Finger sind vor Kälte taub. Das Wort «taub» kommt aus dem Mittelhochdeutschen und Althochdeutschen. «toup, toub» bedeutet «stumpfsinnig, verwirrt, empfindungslos, betäubt, doof».
Out | In |
|---|---|
Zeichensprache | Gebärdensprache |
Begründung
Es gibt Menschen mit Hörbehinderung, die in der Gebärdensprache kommunizieren. Die Gebärdensprache ist viel komplexer als eine simple Zeichensprache. Sie verbindet Gestik, Mimik, lautloses Sprechen und Körperhaltung. Wer gebärdet, spricht eine manuell produzierte und visuell wahrnehmbare Sprache.
Out | In |
|---|---|
Geistesschwache*r, geistig Zurückgebliebene*r, geistig Behinderte*r, Debile*r, Schwachsinnige*r | Mensch mit Lernbehinderung, mit intellektueller Behinderung, mit kognitiver Behinderung |
Begründung
Diese Ausdrücke sind nicht mehr zeitgemäss. Menschen mit Lernbehinderungen verfügen sehr wohl über Geist.
Out | In |
|---|---|
Mongoloide*r | Mensch mit Down-Syndrom, mit Trisomie 21 |
Begründung
Verwenden Sie für spezifische Behinderungsformen die richtigen Fachbegriffe. Das Down-Syndrom ist benannt nach Dr. John Down. Er hat Ende des 19. Jahrhunderts als erster die Behinderungsform Trisomie 21 aus medizinwissenschaftlicher Perspektive beschrieben. Die Bezeichnung Mongolismus geht auf den Vergleich von Personen mit Trisomie 21 mit den Bewohnern der Mongolei zurück (ähnliche Gesichtszüge) und ist diskriminierend und rassistisch zugleich.
Out | In |
|---|---|
Geisteskranke*r, Irre*r, Schwachsinnige*r, Wahnsinnige*r | Mensch mit einer psychischen Erkrankung
Falls möglich, spezifizieren Sie: Mensch mit einer Depression, einer Schizophrenie, einer Angsterkrankung etc. |
Begründung
Diese Ausdrücke sind nicht mehr zeitgemäss und wirken beleidigend.
Out | In |
|---|---|
sein Leben in absoluter Dunkelheit verbringen | sehbehindert sein, blind sein |
Begründung
Visuelle Beeinträchtigungen sind sehr unterschiedlich. Blindheit ist nicht immer gleichzusetzen mit vollständiger Dunkelheit und Schwärze. Fragen Sie die Person mit einer visuellen Beeinträchtigung, wie und was sie wahrnimmt, bevor Sie voreilige Schlüsse ziehen.
Out | In |
|---|---|
an den Rollstuhl gefesselt sein | den Rollstuhl benutzen, Rollstuhl fahren |
Begründung
Dieses Bild ist falsch. Niemand wird tatsächlich an einen Rollstuhl gefesselt. Das impliziert Assoziationen an Strafe oder Folter und rückt die Schwäche der Person in den Mittelpunkt. Der Rollstuhl ist ein Hilfsmittel, das aktive Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglicht.
Out | In |
|---|---|
in einem gelähmten Körper gefangen sein | körperbehindert sein, Rollstuhlfahrer*in sein |
Begründung
Diese Redewendung spricht Menschen mit einer Körperbehinderung Selbstbestimmung und Eigeninitiative ab.
Out | In |
|---|---|
Liliputaner*in, Zwerg*in | kleinwüchsiger Mensch |
Riese/Riesin | grosswüchsiger Mensch |
Begründung
Menschen, die unterdurchschnittlich klein oder überdurchschnittlich gross sind, werden leider immer noch als Riesen oder Zwerginnen bezeichnet. Riesinnen und Zwerge gibt es aber nur im Märchen. Und Liliputaner*innen sind Fabelwesen aus der Erzählung «Gullivers Reisen» von Jonathan Swift.
Out | In |
|---|---|
Spastiker*in | Mensch mit sensomotorischen Störungen, mit einer Cerebralparese |
Begründung
In seiner Kurzform «Spasti» wird dieses Wort im Slang als Schimpfwort gebraucht.
Out | In |
|---|---|
Wasserkopf | Mensch mit Hydrocephalus |
Begründung
Dieses Wort gehört ebenfalls in die Kategorie Schimpfwörter.
Out | In |
|---|---|
Heiminsasse/-insassin | Heimbewohner*in, Mensch, der in einem Heim lebt |
Begründung
Dieser Ausdruck ruft das Bild einer Person hervor, die in einer Institution sitzt oder eingesperrt ist.
Out | In |
|---|---|
Patient*in, Klient*in | Mensch mit …behinderung |
Begründung
- Der Begriff «Patient*in» widerspiegelt nur die medizinische Sichtweise. Menschen mit Behinderungen sind nur dann Patientinnen und Patienten, wenn sie in medizinischer Behandlung sind. Eine Behinderung macht einen Menschen nicht zwingend zum Dauerpatienten oder zur Dauerpatientin.
- «Klient*in» ist sehr unpersönlich. Er distanziert und reduziert Menschen mit Behinderungen auf eine rein geschäftsmässige Beziehung und vernachlässigt alles andere.
Out | In |
|---|---|
Pflegefall | pflegebedürftige Person, Mensch, der Pflege benötigt |
Begründung
Der Begriff ist sehr unpersönlich und abwertend. Die Person wird als «Fall» zum Objekt. Wer Pflege benötigt, will kein Pflegefall sein. Auch wer Pflege benötigt, bleibt Subjekt.
Out | In |
|---|---|
Resozialisierung in die Arbeitswelt | berufliche Integration, Vorbereitung auf den
Wiedereinstieg ins Erwerbsleben, auf die Teilnahme am Erwerbsleben |
Begründung
Menschen mit Behinderungen, die erstmalig auf das Erwerbsleben vorbereitet werden oder in der Arbeitswelt wieder Fuss fassen, sind keine unerprobten Personen, die erst auf den gesellschaftlichen Umgang vorbereitet werden müssten.
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