AHV 2030: Reform muss Menschen schützen, die nicht länger arbeiten können

Agile begrüsst das Ziel der Reform AHV 2030, die Altersvorsorge zu stabilisieren und zu modernisieren. Die Vorlage setzt jedoch stark auf eine längere Erwerbstätigkeit. Aus Sicht von Agile braucht es deshalb wirksame Schutz- und Härtefallregelungen für Menschen, die aufgrund einer Behinderung, einer chronischen Krankheit oder regelmässiger Betreuungsaufgaben nicht bis zum Referenzalter oder darüber hinaus arbeiten können.

Agile ist der Schweizer Dachverband der Selbsthilfe- und Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungen. Als von Menschen mit Behinderungen getragene Selbstvertretung bringt Agile die Erfahrungen und Perspektiven jener Menschen ein, die von den geplanten Änderungen direkt betroffen sind. Entscheidungen über Sozialversicherungen müssen die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderungen berücksichtigen.

Längere Erwerbstätigkeit ist nicht für alle möglich

Die Reform verfolgt das Ziel, die Erwerbstätigkeit bis zum Referenzalter und darüber hinaus zu fördern. Dieses Ziel ist nachvollziehbar. Viele Menschen können jedoch aus gesundheitlichen Gründen oder wegen regelmässiger Betreuungsaufgaben nicht länger erwerbstätig bleiben. Fehlende Anpassungen am Arbeitsplatz und weitere Barrieren im Arbeitsleben können dies zusätzlich erschweren.

Das Problem liegt dabei nicht bei den Betroffenen. Menschen mit Behinderungen stossen bereits heute auf strukturelle Barrieren im Arbeitsleben. Eine Reform, die stärker auf längere Erwerbstätigkeit setzt, muss diese Realität berücksichtigen. Ohne gezielte Schutzregelungen können daraus dauerhafte finanzielle Nachteile entstehen, etwa durch stärkere Kürzungen beim Rentenvorbezug oder einen erschwerten Zugang zu Altersleistungen der beruflichen Vorsorge.

«Die Reform muss auch jene Menschen schützen, für die eine längere Erwerbstätigkeit nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Wer aufgrund einer Behinderung, einer chronischen Krankheit oder regelmässiger Betreuungsaufgaben nicht länger arbeiten kann, darf dadurch im Alter nicht benachteiligt werden», sagt Stephan Hüsler, Präsident von Agile.

Agile fordert gezielte Verbesserungen

In ihrer Vernehmlassungsantwort fordert Agile insbesondere:

  • Schutz- und Härtefallregelungen beim Rentenvorbezug sowie beim Vorbezug von BVG-Altersleistungen für Personen, die vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen;
  • Betreuungsgutschriften, die tatsächlich geleistete regelmässige Betreuungsarbeit besser berücksichtigen;
  • Massnahmen gegen unverhältnismässige finanzielle Belastungen durch AHV-Beiträge auf Kranken- und Unfalltaggeldern, insbesondere bei tiefen Taggeldleistungen oder wirtschaftlichen Härtefällen;
  • die Überprüfung früherer Kürzungen beim Assistenzbeitrag, wenn die Gründe für diese Kürzungen nicht mehr bestehen;
  • verständliche und rechtzeitige Informationen, barrierefreie Verfahren und bei Bedarf persönliche Beratung.

Rentenschutz beim Übergang in die AHV

Agile begrüsst die Ausweitung des Rentenschutzes beim Übergang von der Invalidenversicherung zur AHV. Gleichzeitig fordert der Verband, dass Besitzstandsregelungen beim Assistenzbeitrag nicht dazu führen, dass nicht mehr gerechtfertigte Kürzungen dauerhaft weitergeführt werden. Ebenso wichtig sind verständliche Informationen, barrierefreie Verfahren und bei Bedarf persönliche Beratung. Neue Rechte und Leistungen können ihre Wirkung nur entfalten, wenn Betroffene davon wissen und sie ohne unnötige Hürden in Anspruch nehmen können.

Reform ausgewogen ausgestalten

Agile unterstützt das Anliegen einer langfristig gesicherten Altersvorsorge. Gleichzeitig muss die Reform sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen und andere besonders betroffene Personengruppen nicht benachteiligt werden.

Als kollektive Selbstvertretung setzt sich Agile dafür ein, dass die Rechte von Menschen mit Behinderungen auch im Bereich der Sozialversicherungen konsequent berücksichtigt werden. Auch bei der Reform AHV 2030 gilt: Menschen mit Behinderungen müssen bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, einbezogen werden. Nichts ohne uns.

Weiterführende Informationen

Im Rahmen der Vernehmlassung zur Reform AHV 2030 hat Agile eine ausführliche Stellungnahme eingereicht. Die vollständige Vernehmlassungsantwort finden Sie hier:

Kontakt

Alizée Rey, Verantwortliche Interessenvertretung und Networking / 031 390 39 33 / 078 736 70 32 / alizee.rey@agile.ch

Mehr zum Thema Behindertenpolitik

  • Medienmitteilung

    Inklusionsinitiative: Der Nationalrat begnügt sich mit dem Minimum

    Der Nationalrat hat den Gegenvorschlag zur Inklusionsinitiative verbessert. Für Agile reichen die Fortschritte jedoch nicht aus: Der Gegenvorschlag ist kein Ersatz für die Inklusionsinitiative.
    Link zur Detailseite
  • Medienmitteilung

    Inklusionsinitiative: Nationalrat muss Rechte stärken statt schwächen

    Der Gegenvorschlag zur Inklusionsinitiative bringt Verbesserungen, bleibt aber hinter den Forderungen der Initiative zurück. Agile fordert den Nationalrat auf, die Vorlage zu stärken statt abzuschwächen.
    Link zur Detailseite
  • Beitrag- Forderung

    Sessionsbrief Herbstsession 2026

    Die Herbstsession bringt wichtige Entscheide für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Im Fokus stehen die Beratungen zur Inklusionsinitiative und zum indirekten Gegenvorschlag, ein mögliches Gebärdensprachen-Rahmengesetz sowie weitere Geschäfte zu sozialer Sicherheit, Teilhabe und Selbstbestimmung. Der Sessionsbrief von Agile zeigt, welche Entscheide jetzt wichtig sind und wie sich der Dachverband positioniert.
    Link zur Detailseite
  • Artikel

    Lehrerschaft bestätigt: Inklusive Bildung braucht bessere Rahmenbedingungen

    Die aktuelle LCH-Umfrage zeigt: Viele Lehrpersonen unterstützen die inklusive Bildung, sehen aber grossen Handlungsbedarf bei deren Umsetzung. Agile betrachtet die Ergebnisse als Bestätigung der eigenen Forderungen und verlangt von Bund und Kantonen konkrete Schritte für eine inklusive Schule, die allen Kindern gleiche Bildungs- und Teilhabechancen ermöglicht.
    Link zur Detailseite
  • Medienmitteilung

    Wohnungsmarkt benachteiligt Menschen mit Behinderungen systematisch

    Menschen mit Behinderungen finden oft keine geeignete Wohnung – wegen fehlender Barrierefreiheit, mangelnder Angebote und struktureller Hürden. In der Sommersession berät der Nationalrat einen Vorstoss gegen diese Diskriminierung. Agile fordert: Das Problem muss systematisch erfasst werden, damit wirksame Lösungen möglich sind.
    Link zur Detailseite
  • Beitrag- Forderung

    Sessionsbrief Sommersession 2026: Inklusion im Fokus

    In der Sommersession 2026 werden zentrale Weichen für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen gestellt. Agile nimmt Stellung zu ausgewählten Geschäften und zeigt auf, wo Fortschritte für Inklusion und Selbstbestimmung möglich sind – und wo weiterhin Handlungsbedarf besteht. Im Fokus stehen unter anderem Diskriminierung beim Wohnen, die IV-Praxis, die Situation pflegender Angehöriger sowie Anforderungen an barrierefreie Schutz- und Evakuierungsmassnahmen.
    Link zur Detailseite
Nach oben scrollen