Standpunkt

Wenn wir von Ableismus sprechen

Das Konzept des «ableism» (able = fähig) wurde erstmals Anfang der 1980er-Jahre in den USA im Zusammenhang mit dem Kampf für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen aufgebracht. Es versucht, den «systemischen Charakter der Ungleichbehandlung sogenannt behinderter Menschen zu reflektieren». In der angelsächsischen Welt hat sich der Begriff «ableism» mittlerweile durchgesetzt als Antwort auf das Reduzieren der Person auf ihre «Behinderung». Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem komplexen und multidimensionalen System von Vorurteilen und Diskriminierungen gegenüber Menschen mit Behinderungen und auf den gesellschaftlichen Strukturen, die hauptsächlich von und für «fähige» (able) Menschen konzipiert wurden.
Raphaël de Riedmatten
ehemaliger Geschäftsleiter Agile
Raphaël de Riedmatten, Geschäftsleiter Agile
«Ableismus ist wahrscheinlich eines der grössten Hindernisse auf dem Weg zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft.»

Auf Deutsch mit «Ableismus» übersetzt, wird der Begriff zunehmend von Behindertenaktivist*innen verwendet, die es kaum erwarten können, dass es endlich eine breite Gegenbewegung gibt nach dem Vorbild des Feminismus. Im Französischen ist die Sache komplizierter: Einige haben sich für eine wörtliche Übersetzung entschieden und verwenden den Begriff «capacitisme» (capable = able), während französische Aktivist*innen «validisme» (valid = gültig) vorziehen. In der Schweiz liefern sich die beiden Neologismen noch immer einen epischen Kampf.

Die Problematik in der französischsprachigen Welt ist bezeichnend dafür, wie wichtig die Wortwahl ist, um unseren Blick und unsere überholten Vorstellungen von «anderen» Menschen zu «dekonstruieren» und einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel einzuleiten. Denn obwohl die erwähnten Begriffe in progressiven Kreisen sehr beliebt sind, in der breiten Öffentlichkeit sind sie wenig bekannt.

Deutliche strukturelle Beispiele für das Ausmass von Ableismus sind abwertende und schädliche Begriffe wie «invalid» oder «hilflos» in der Verwaltung.

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Wenn wir schon von Ableismus sprechen...

Immer noch staune ich über das Ausmass der strukturellen Trägheit der Akteure im Behindertenbereich. Das ist weniger eine Kritik als vielmehr eine Erkenntnis angesichts der unzähligen Widerstände, der übermässigen Einflussnahme durch segregative Relikte, der Streitereien um Rangordnungen, der Hartnäckigkeit einer bevormundenden karitativen Sichtweise, der väterlich-herablassenden Haltung bestimmter «Experten» oder der verheerenden Auswirkungen von Werbekampagnen, die ebenso rührselig wie entwürdigend sind.

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